Spielgeist
Spielgeist - über Fußball, das Spiel
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Folge 6: Deutscher Fußball, Teil 2 (Spielertypen, Nationalelf, Nachwuchsförderung)
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Martin Rafelt spricht über "den deutschen Fußballer", die Ausbildung solcher und die Berufung solcher in die Nationalelf und ein bisschen über Jürgen Klopp.
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Komplette Fußballer
' [00:00:00] [00:00:10] [00:00:20] Servus und willkommen zurück. Äh, wir sind immer noch im gleichen Thema. Ich glaub, es braucht nicht viel Intro, wir gehen direkt rein
n weiteres Thema, was ich da in der Hinsicht noch ansprechen will, [00:00:30] sind komplette Fußballer im Vergleich zu Fußballern, die auf eine bestimmte Rolle hingeschult sind. Ich hatte das Thema am Anfang schon mal, [00:00:40] Sammer, Beckenbauer, Matthäus und so weiter und so fort. Und ein interessantes Detail davon ist, dass unglaublich viele dieser Fußballer nicht [00:00:50] die Position gespielt haben, auf der sie ausgebildet wurden. Passenderweise dazu hat äh, wurde, wurde Klopp mal ähm, gefragt... Passenderweise hat Klopp ausgerechnet bei der WM auch mal darüber gesprochen, dass Deutschland zu wenig Außenverteidiger ausbildet und ähm, hat [00:01:00] dann gesagt: „Ja, mein perfekter Rechtsverteidiger ist 'n Rechtsaußen, der verteidigen kann" und hat damit mal einen Fingerzeig in diese Richtung gegeben, was glaube ich etwas ist, was ich [00:01:10] weiß es-- Also ich hab noch nie davon gehört, dass een LZ das bewusst macht.
Sollte es aber, glaub ich, dass du Spieler vielleicht auf eine höhere Position schiebst als die später mal [00:01:20] sein sollen beziehungsweise die dann irgendwann nach hinten ziehst, Hummels hat in der Jugend Stürmer und Zehner gespielt. Sammer war Stürmer, bis er 21 war oder so 'n [00:01:30] Scheiß. Beckenbauer hat noch eine WM als Zehner gespielt. Schweinsteiger hat 'ne WM als Flügelstürmer gespielt. Toni Kroos war bei seinem ersten Turnier noch 'n Flügel, noch 'n Zehner.
Die [00:01:40] haben sich alle erst später in diese defensiven Positionen reingearbeitet. Was glaube ich im Grunde ist, wie die deutsche [00:01:50] Fußballkultur diese Sache umgangen hat, die ich gerade genannt habe, nämlich dass du eher risikoavers bist, dass du äh, dass du immer effektive Sachen machen willst und nicht so viel Außergewöhnliches, dass du einfach gesagt hast: „Na gut, [00:02:00] dafür sind jetzt aber unsere Stürmer und Zehner und, und, und so“ sind so komplett, die kannst du jetzt auch einfach Verteidiger spielen lassen.
So kriegen die auch hin und es sind halt die besten Spieler. Und dann hast du [00:02:10] halt Spieler, die v-, im Grunde völlig überqualifiziert für ihre Position sind. Das heißt, sie sind extrem gut auf ihrer Position. Vitinha zum Beispiel ist 'n aktuelles [00:02:20] Exemplar von einem Spieler, der hat eigentlich seine gesamte Jugend und lange hat er Achter und Zehner gespielt.
Der ist kein Sechser. Jetzt ist er auf einmal Sechser. Philipp Lahm war auch so, der hat auch in der Jugend [00:02:30] ähm, soweit ich gelesen hab, viel Flügel gespielt, Zentrum gespielt. der war nicht die ganze Zeit ein Außenverteidiger. , Es ist wirklich 'n Wahnsinn, wie viele Spieler das betrifft und [00:02:40] wie wenig das genutzt wird in der Diskussion. Und das ist, glaub ich, kurzes Rauszoomen auf die Metaebene. Das Ding ist, früher hat man, glaub ich, viel mehr improvisiert und einfach ohne 'nen [00:02:50] Plan Situation für Situation entschieden: Was machen wir denn jetzt?
Und bei s..., bei dieser Art von Entscheiden kommen teilweise relativ unorthodoxe [00:03:00] Sachen bei rum oder Sachen, die nach 'ner Logik funktionieren, die sich nicht ganz erschließt, die man nich so geplant hätte wenn Beckenbauer der talentierteste Zehner deiner Generation ist, dann [00:03:10] kommst du am Schreibtisch nicht auf die Idee: „Ja, vielleicht lassen wir den dann später mal Verteidiger spielen.“
So, auf die Idee kommst du auf'm Fußballfeld, aber nicht am Schreibtisch. [00:03:20] Und die NLZs, die Ausbildungskonzepte, viele der Entscheidungen, die getroffen werden, werden am Schreibtisch getroffen und auf so einer Metaebene, auf so [00:03:30] ner logischen Planerebene bist du automatisch viel orthodoxer und viel weniger kreativ als in der konkreten Situation.
Und ich glaube, [00:03:40] das ist einfach was, was man berücksichtigen muss und wo man auf der Planerebene, also die, die Chefs der NLZ müssen gewisse Freiheiten schon [00:03:50] einplanen, müssen sagen, wir können auch das machen, wir können auch das machen oder sogar unorthodoxe Dinge, unorthodoxe Maßnahmen auch ganz gezielt [00:04:00] einfordern oder inspirieren, ne.
Was zum Beispiel auch sehr, sehr gut funktionieren kann, ist, dass man Spieler gezielt für 'ne bestimmte Entwicklung auf 'ner anderen Position spielen lässt. Cruyff [00:04:10] zum Beispiel hat Dennis Bergkamp damals als Außenverteidiger aufgestellt bei Ajax 2, damit er verteidigen lernt, Bergkamp damals noch Flügelstürmer gewesen.
Auch Später ins [00:04:20] Zentrum gegangen übrigens. dass man gezielt wartet damit, Spieler auf ihre Idealposition zu packen, wenn man denkt, es gibt noch 'ne Position, die ihm in der Entwicklung mehr helfen [00:04:30] würde. Ich würde Kimmich gerne mal sehen, wenn der bis zum achtzehnten Lebensjahr einfach komplett Zehner gespielt hätte.
Er hat schon sehr früh Sechser [00:04:40] gespielt. Und ich glaube, der hätte einfach noch außergewöhnlichere Fähigkeiten, wenn der länger vorne gespielt hätte. Stattdessen denken wir in positionspezifische Ausbildung, die [00:04:50] natürlich auch wichtig ist Das ist auch wieder was, das lässt sich nicht so ohne Weiteres auflösen, aber man muss dieses Spannungsfeld einmal verstanden haben, find ich, damit man das [00:05:00] berücksichtigen kann und vielleicht irgendwann mal auf 'ne gute Idee kommt, wie man das miteinander kombiniert oder dann einfach Fall für Fall entscheidet: hier machen wir es so.
Spieler, wo ich relativ nah dran bin, ist
, der [00:05:10] einfach in der Jugend völlig unterfordert war. Der war immer körperlich allen überlegen, stand hinten drin, hat alles wegverteidigt, der musste nicht mal gut verteidigen, um erfolgreich zu Verteidigen, so weil der [00:05:20] körperlich so überlegen war.
Wäre wahrscheinlich interessant gewesen zu sagen: „Ja, pass auf, der wird mal richtig gut. Der ist für’n Profi fußball mit den Anlagen, die er hat." da is aber spielerisch noch [00:05:30] zu wenig drin, damit der wirklich gefordert ist, damit der sich entwickelt. Lass ihn doch mal ’n halbes Jahr Stürmer spielen.
schadet seiner Entwicklung als Innenverteidiger jetzt auch nicht mehr, als wenn er da [00:05:40] hinten gegen Jungs spielt, die irgendwie einen Kopf kleiner sind als er und halb so schnell rennen. Da soll er lieber vorne was versuchen und da ist er richtig gefordert und entwickelt vielleicht Fähigkeiten im Zweikampf, in seinen [00:05:50] Bewegungsmustern und so weiter in seiner Technik in seiner Durchsetzungsfähigkeit, die der auf Innenverteidiger in dieser Situation jetzt gerade gar nicht entwickeln kann so
ich glaube, [00:06:00] da gibt's keinen, keine One-Fit-All-Lösung und keinen einfach so macht man's immer. Ich glaub, da muss man einfach auf den, auf den Spieler gucken und sich überlegen, was braucht der, was braucht er für 'n [00:06:10] Entwicklungsimpuls? Aber man muss halt denken in Entwicklungsimpuls und nicht in, wie hilft er uns jetzt gerade zu gewinnen?
' n Gegenbeispiel wäre Felix Passlack zum Beispiel, der in seiner Jugend [00:06:20] als Außenstürmer, als Stürmer eingesetzt wurde von Hannes Wolf übrigens. Und der sich dann nicht zu 'nem super Außenverteidiger entwickelt hat, wo man spekulieren könnte, [00:06:30] wenn der eher auch mehr hätte verteidigen lernen müssen und nich nur nach vorne rennen, vielleicht wär da mehr gegangen.
Kannst drüber reden, ob die Spielweise nicht auch so [00:06:40] war. Äh, Das sind dann ja auch noch mal Variablen. Wenn du jemanden als Stürmer hinstellst, aber dann rennt er die ganze Zeit nur in die Tiefe und schießt aufs Tor, dann ist es natürlich für seine Entwicklung auch nicht [00:06:50] besonders gut, ne?
Es gibt wahrscheinlich, also Timo Werner is vielleicht 'n Spieler, den hättest du vielleicht eher v-von vorne wegnehmen müssen. Den hättest du vielleicht auf, auf die zehn packen müssen, auf die acht packen müssen, dass der viel [00:07:00] mehr mit Ball machen muss und nicht einfach immer alles mit Tempo lösen kann vorne.
Und dann hättest du vielleicht einen Timo Werner gehabt, der halt nicht nur Rennen und Schießen kann, sondern mit Ball auch 'n bisschen n-noch [00:07:10] mehr macht. Und das wär dann vielleicht 2018 der große Unterschied gewesen, wo er Startspieler war. Und äh, dann, als es in der Mitte nicht geklappt hat und man Sané nicht mitgenommen hat, dann musste er auf einmal links außen [00:07:20] sein und hat da eins gegen eins gespielt, was überhaupt nicht seine Spielweise war.
Was er aber vielleicht könnte, wenn man ihn früher anders gefördert hätte, weiß ich nicht. Wie gesagt, das ist 'n extrem komplexes [00:07:30] Thema
Environment
was ich vielleicht unterm Strich sagen will, ist, ich hatte äh, 'n Tweet gesehen, der klingt wie Klugscheißerei auf 'n ersten, auf 'n ersten Blick, ist aber viel mehr als das, wenn man kurz drüber [00:07:40] nachdenkt.
Von 'nem niederländischen Trainer war das, glaub ich. Ich hab schon wieder vergessen
was er gesagt hat, war: Wir sagen häufig, dass eine Nachwuchsakademie zum Beispiel, dass die Spieler [00:07:50] ausbildet beziehungsweise Spieler entwickelt.
Develop, hat er gesagt. 'n Trainer entwickelt keinen Spieler. Ein Spieler entwickelt sich selbst, so. Der Spieler muss es immer [00:08:00] selbst machen und was wir außen rummachen Wir erschaffen ein Umfeld dafür. Ich denke immer, Ich muss immer kurz nachdenken, was das deutsche Wort für [00:08:10] Environment ist, weil Environment ist noch mal ein schöneres Wort für, für das, was mit Umfeld eigentlich gemeint ist, nämlich ' Ne, sozusagen die, die Natur, die [00:08:20] Landschaft, in der der Spieler wächst. So die, die ganzen Einflüsse von draußen, der ganze, der fruchtbare Boden. Solche Bilder kommen bei Environment in den Kopf und ich [00:08:30] finde, das, das, das trifft's noch mal mehr. Umfeld klingt relativ, statisch. Das umgibt dich. Das ist nicht unbedingt was, mit dem du interagierst. Environment ist was, wo du aktiv [00:08:40] sehr stark drinne bist, involviert bist, was, was dich aktiv beeinflusst die ganze Zeit, womit du in 'nem, in 'ner Wechselwirkung [00:08:50] stehst. und ich glaube, wir werden wahrscheinlich zu deutlich besseren Ausbildungsergebnissen kommen, wenn wir ganz, ganz bewusst haben die ganze Zeit, dass wir nicht, dass unsere [00:09:00] Aufgabe nicht ist ' n Spieler am Wochenende so gut spielen zu lassen wie möglich.
Das ist deine Aufgabe, wenn du Bundesliga Trainer bist. Wenn du U17 Bundesliga Trainer bist, ist nicht deine Aufgabe: [00:09:10] Wie mache ich den Spieler jetzt am Wochenende so gut wie möglich? Deine Aufgabe ist: Was braucht der Spieler? In welchem, Umfeld, in welchem Environment Kann der [00:09:20] Spieler bestmöglich sich entfalten und stärker werden, größer werden, mehr werden als er jetzt ist, sozusagen, ne, auf 'ner metaphorischen [00:09:30] Ebene versuch, du kannst die Pflanze nicht aus dem Boden ziehen. Die Pflanze wird von selber wachsen. du musst dafür sorgen, dass sie genug Nährstoffe kriegt.
Und 'n Nebeneffekt, wenn man das umsetzt, ist [00:09:40] und das ist nicht nur 'ne theoretische Idee, die aufm Papier gut klingt, sondern das ist was, was man wirklich feststellt, wenn man nicht alles vorschreibt, wenn man bestimmte Freiheiten gibt, wenn man [00:09:50] einfach inspiriert und nicht nur erklärt und nicht nur einfordert, dass auch immer Dinge entstehen, die man so gar nicht geplant hatte.
Dass, äh, tendenziell Dinge sich [00:10:00] entwickeln, wachsen, die man nicht hätte konstruieren können, ne? Und deswegen sollte man neben Ingenieur auch immer so 'n bissl Gärtner [00:10:10] sein und, ähm, wahrscheinlich zu so 'ner, zu so 'nem Selbstbild kommen von, ne, der weise alte Meister, der seine Schüler auf den Weg schickt, um, äh, selber zum [00:10:20] Meister aufzusteigen.
Oder so was in der Richtung. Mir fehlen ein bisschen die ganz, äh, zutreffenden Worte hier in dem Moment
Rollenbilder
Was stattdessen gerade en vogue ist, ist eher [00:10:30] so, dass man, die Spielerausbildung so begreift wie 'ne Ausbildung, dass man für etwas Bestimmtes, für einen bestimmten Job, für ein bestimmtes Handwerk [00:10:40] ausgebildet wird und dementsprechend auch klar ist, was muss gelernt werden, was muss der am Ende können, was muss der am Ende draufhaben?
Und, d-daraus kommt ja auch das, was ich vorher gesagt hab, dass [00:10:50] du nicht drüber nachdenkst, irgendwelche Spieler auf fremden Positionen einzusetzen, sondern du packst sie auf die Position und zeigst dem Spieler auf der Position, was muss er da alles können, was muss er da alles draufhaben. Und das ist natürlich [00:11:00] schon 'ne Art von, von Limitierung und zahlt eben darauf ein, was ich vorher gesagt hab, dass das so 'n bisschen gegen diese Komplettheit und diese Stärke der Entscheidungsfindung bei deutschen Fußballern geht Und ich glaube, das [00:11:10] geht implizit auch 'n bisschen gegen den, äh, Faktor, der, glaub ich, früher wirklich extrem präsent war in der deutschen Fußballkultur, der auch immer noch sehr da ist, aber 'n bisschen nachgelassen hat, [00:11:20] nämlich die Mannschaftsorientierung. dass ein Spieler für die Mannschaft spielt, in der Mannschaft spielt und in der Mannschaft das tut, was notwendig [00:11:30] ist.
wenn ich einem Spieler erkläre, was genau seine Aufgaben sind und dass er genau das machen muss, genau darin gut werden muss, dann sorg ich ja [00:11:40] implizit für 'nen Selbstfokus des Spielers. Der fokussiert sich auf sich, der fokussiert sich auf seine Aufgabe. Die Aufgabe kann natürlich im Mannschaftssinn erfüllt werden, aber der wird [00:11:50] dann, da sind wir wieder bei diesem Situation annehmen, das machen, was die Situation erfordert.
Das wird er tendenziell nicht machen. Zumindest nicht so intuitiv, nicht so [00:12:00] selbstverständlich, sondern du erschaffst erst mal eine Barriere zu allem, was außerhalb seines Aufgabenfeldes passiert, [00:12:10] außerhalb seiner Position, außerhalb seiner Rolle. Das heißt nicht, dass dieser Mannschaftsbezug nicht mehr existiert. Ich glaube, es gibt immer noch extrem viele Spieler, die das sehr stark [00:12:20] haben.
Ich glaube aber, dass das Denken über Fußballer dadurch sehr viel normativer geworden ist und man sehr viel mehr [00:12:30] Spieler danach beurteilt, wie sie in eine bestimmte Rolle, in ein bestimmtes Bild reinpassen Und sie auch mehr darüber beurteilt, wie ihre persönliche Eignung in [00:12:40] einer bestimmten Rolle ist. Das wiederum führt natürlich dazu, dass Spezialisten tendenziell im Vergleich zu vorher ein bisschen höher gewertet werden als Generalisten. Generalisten, das [00:12:50] heißt komplette Fußballer. Das heißt, komplette Fußballer leiden darunter ein bisschen.
Und was auch ein ganz seltsamer Effekt davon ist, ist, dass glaube ich, man stärker [00:13:00] Spieler nach ihrem Potenzial beurteilt, weil man sehr leicht erkennt, dass ein bestimmtes, weil man erkennt, dass ein bestimmtes athletisches Profil, technisches Profil für eine bestimmte [00:13:10] Rolle optimal wäre und dann blendet man aber ein bisschen aus, ob der Spieler schon in der Lage ist, dieses Profil auch entsprechend effektiv umzusetzen, ne.
Also man [00:13:20] blendet damit auch ein bisschen diese, diesen Pragmatismus, diese Ergebnisorientierung aus, die den deutschen Fußball eigentlich auszeichnet. Und, ich glaube, das hat sehr stark das, äh, [00:13:30] Missverständnis zwischen Julian Nagelsmann und, äh, den deutschen, äh, achtzig Millionen Bundestrainern geprägt, dass Julian Nagelsmann [00:13:40] viel in diesem „Was ist das optimale Profil für dies oder das" gedacht hat und die achtzig Millionen Bundestrainer noch sehr viel denken in „Okay, aber was bringt [00:13:50] der am, im Endeffekt auf den Platz?",
wo beide Seiten recht haben können, ne. Ich will das gar nicht zu krass sagen, dass der eine von beiden Seiten falsch liegt, sondern ich [00:14:00] glaube, das ist tatsächlich was, wo man ein bisschen voneinander lernen kann, dass in bestimmten Situationen ist es einfach bei Innenverteidigern zum Beispiel schätzen es Leute ganz häufig falsch ein, dass, weil man mal sieht, wie der 'n [00:14:10] Fehler macht, ist der schlechter als ein anderer Innenverteidiger, der überhaupt nicht in die Situation gekommen wäre, weil er das athletische Profil gar nicht mitbringt, ne.
Also Innenverteidiger, typische Position, wo einfach 'ne [00:14:20] bestimmte athletische Eignung so viel ausmacht, was viele Leute gar nicht wahrnehmen.
Leistungsprinzip
Das heißt, dieser Fokus auf Potenzial und Rolleneignung, der ist nicht per se falsch, [00:14:30] aber ich glaube schon, dass der in bestimmten Situationen einfach zu viel werden kann Ich glaube, das zugrunde liegende Problem, was ich gut nachvollziehen kann, weil ich habe [00:14:40] das durchaus auch und ich meine, Julian Nagelsmann hat das auch, dass man bestimmte Dinge zu sehr vereinfacht im Kopf.
Weil einem selber bestimmte Dinge klar sind. [00:14:50] So, ich weiß, wie man eine Außenverteidigerposition spielt und es ist nicht so kompliziert aus meiner Sicht. Das heißt, wenn ich Kai Havertz auf Außenverteidiger stelle, [00:15:00] müsste er das relativ schnell begreifen können. Und dann habe ich jemanden, der insgesamt einfach ein größeres athletisch-technisches Profil erfüllt, mehr im Kader, [00:15:10] der diese Rolle dann spielen kann, anstatt dass ich jemanden nehmen muss, der zwar vertraut ist mit der Rolle, aber kein so hohes Potenzial hat. Es ist aber [00:15:20] so, dass gerade in Drucksituationen und gerade in punktuellen, entscheidenden Situationen es häufig einen Unterschied ausmacht, ob ich die [00:15:30] Erfahrung habe, ob ich in der Lage bin, dann die Entscheidung zu treffen und einen klaren Kopf zu bewahren und mich auch wohlfühle auf der Situation und so.
Diese eher soften Faktoren, die man nicht auf den ersten Blick sieht, sondern die [00:15:40] man erst dann sieht, wenn's Und ich glaube, aus einem sehr präzisen Verständnis davon, welche Eignungen man [00:15:50] wofür braucht, kann man das häufig ein bisschen übersehen.
Diese, ja, ein bisschen bauernschlaue, Perspektive, dass man einfach schaut, was kriegt denn der Spieler am Ende auf den Rasen? So, [00:16:00] was, welchen Effekt hat das, was er und Das ist ja genau dieser Pragmatismus, den, der meines Erachtens eigentlich den deutschen Fußball auszeichnet. Und ich glaube, der ist im Profifußball und in der [00:16:10] Nationalmannschaft 'n bisschen verloren gegangen. Und ich glaube, das ist auch 'n Gefühl, was viele teilen, dass gerade das verloren gegangen ist.
Ich glaube, das ist eigentlich das, was mit dieser großen [00:16:20] Debatte um das Leistungsprinzip gemeint ist,
Dass man Spieler danach nominiert, was sie auf den Platz bringen, und wo es, glaube ich, ein vorprogrammiertes Missverständnis gibt, weil das Leistungsprinzip aus, aus [00:16:30] Trainersicht ist mehr: Ich will die Spieler aufstellen, die die beste Leistung bringen werden.
Und aus Zuschauersicht ist es eher ich, wir wollen die [00:16:40] Spieler sehen, die die beste Leistung gebracht haben. Und das ist natürlich nicht hundertprozentig deckungsgleich und das ist ein bisschen die Aufgabe des Trainers, den Unterschied zu antizipieren. Das heißt [00:16:50] zu antizipieren, der hat jetzt zwar nicht besser gespielt, aber in dieser Konstellation, auf dieser Position gegen diese Gegner, auf diesem Niveau, wie auch immer, wird der besser [00:17:00] performen.
Und dabei kann man aber natürlich Fehler machen Spieler überschätzen, sich überschätzen, andere Spieler unterschätzen und so weiter und so fort. Und das führt mich zum vielleicht letzten [00:17:10] Thema, über das ich reden will und es sind ein bisschen zwei Themen in einem. Es sind Ergänzungsspieler. Was auf der einen Seite das Thema ist, [00:17:20] Spieler, die eine bestimmte Komplettheit und Zuverlässigkeit in ihrer Spielweise mitbringen und die Hierarchie innerhalb [00:17:30] der Mannschaft.
Ergänzungsspieler
Das heißt, was typischerweise gemacht wurde im deutschen Fußball, wenn man sich die Weltmeistermannschaften anguckt und so, ist, dass der [00:17:40] Kader aufgefüllt wurde mit Helfern, mit Helferspielern, die sehr viel gemacht haben, sehr zuverlässig [00:17:50] waren, relativ vielseitig waren und intelligent waren und so 'n bisschen für die Quantität in der Mannschaft gesorgt haben.
Man hatte 'n bisschen die Topspieler, [00:18:00] die Qualität gebracht haben, Beckenbauer und so, und dann bisschen Spieler, die, die sozusagen Quantität gebracht haben, die gelaufen sind, die viel gemacht haben, die die Räume [00:18:10] geschlossen haben und so weiter und so fort.
Und dann geht's mir einerseits um das Erkennen und Wertschätzen solcher Balance-Spieler, ja, also Ergänzungsspieler im taktischen Sinne, dass die [00:18:20] taktisch das Spiel der Mannschaft ergänzen. Und im zweiten Punkt geht's mir darum, wie das in der Nationalmannschaft gehändelt wurde. Erstens muss man mal sagen, dass glaube ich, der deutsche Fußball, weil das [00:18:30] ja auch wieder 'ne Sache von Entscheidungsfindung und Komplettheit ist, dass der deutsche Fußball dazu neigt, extrem gute solche Ergänzungsspieler hervorzubringen.
Man könnte sagen, dass Thomas Müller das Prinzip [00:18:40] Ergänzungsspieler auf 'n so hohes Level gehoben hat, dass er quasi sogar 'n Leistungsträger war als Ergänzungsspieler. Ich denk an Hacki Wimmer, den ich [00:18:50] für einen der größten Fußballer aller Zeiten ha-halte, der, ähm, ich hab mal 'n Artikel über ihn geschrieben, Hacki Wimmer selber hat diesen Artikel gelesen und gesagt: „Ey, ich, das ist zu viel [00:19:00] Lob, so gut war ich nicht.“
Weil sein Selbstbild und seine, sein Image in der Mannschaft war halt so: Ja, der ist der, der ist der Helfer, der ist der Ergänzungsspieler, der macht alles, der erledigt [00:19:10] alles, aber er ist nicht der Star. Und so hat er sich auch selber gesehen, aber der war unglaublich gut. Der war unglaublich wichtig für seine Mannschaft.
Wir können Reiner Bonhof nennen, wir können vielleicht Sami Khedira [00:19:20] nennen,
Wir können vielleicht Guido Buchwald nennen,
Also alles Spieler, die sehr viel laufen, sehr konstant Defensivarbeit [00:19:30] verrichten, gute Entscheidungen treffen nach vorne, gute Bewegungen nach vorne haben, gute Position einnehmen, nicht spektakulär, aber zuverlässig mit Ball sind. [00:19:40] Das heißt, gute, sehr gute, zuverlässige Allrounder. Defensiv-Allrounder, Offensiv-Allrounder, Mittelfeld-Allrounder gab es alles, [00:19:50] aber zuverlässige Allrounder. Zuletzt hatte man mit Robert Andrich so 'nen Defensiv-Allrounder, der dafür gesorgt hat, dass man 'ne gute EM gespielt hat.
Wenn ich [00:20:00] 'nen Spieler nach 'ner bestimmten Rolle beurteile, fallen diese Spieler so 'n bisschen durch. Und es besteht die Gefahr, dass die nicht so richtig in die [00:20:10] Mannschaft reinkommen. Vielleicht hat das gar nicht so dolle systematische Gründe. Aber wenn man sich die letzten Kader, diese Kader der deutschen Nationalmannschaft, die gescheitert sind, wenn man die anschaut, [00:20:20] dann findet man meines Erachtens sehr viele Beispiele dafür, wo eigentlich die Hierarchie und die Leistungshierarchie die war, dass die Ergänzungsspieler, also die, die [00:20:30] eher unter, also die den Kader auffüllen, die Spieler acht bis elf, das waren häufig eher so Spezialisten und Qualitätsspieler, allerdings dann auf nicht so [00:20:40] hohem Niveau.
Und die nominellen Topspieler, das waren von ihrer Art und Weise eher Ergänzungsspieler. Die waren relativ vielseitig mit, äh, Kimmich, mit Müller, mit [00:20:50] Havertz zum Beispiel. Havertz ist bei Arsenal durchaus gesetzt, aber der ist nicht als Topstar gesetzt, sondern der ist als Ergänzungsspieler [00:21:00] gesetzt.
Der ist so Spieler Nummer neun und damit funktioniert der sehr, sehr gut, weil der die Sachen mitbringt, die ich genannt habe. Der ist ein Ergänzer. Der kann so 'n bisschen alles, der macht die Läufe, der macht die [00:21:10] Defensivarbeit, der, der findet Lösungen, aber der ist nicht der Überstürmer. Der macht dir keine 30 Saisontore, der hat nicht die ganz krassen Dribblings, der [00:21:20] hat nicht die ganze Zeit seine, seine Geistesblitze, wo er Wahnsinnspässe spielt, sondern der kann halt alles gut. Und ich glaube, das hat der, der Stabilität und der Funktionalität der [00:21:30] deutschen Nationalmannschaften in den letzten Jahren immer sehr viel geschadet, dass das nicht so richtig geklappt hat. Jüngst bei der WM, äh, fand ich absolutes Musterbeispiel, dass du [00:21:40] 'n Matcher und Sané waren so die, die Spieler, die am längsten auf der Kippe standen, neben Brown vielleicht, aber das war, hatte mehr mit dem Alter zu tun.
Matcher und Sané sind beides [00:21:50] ziemlich krasse Spezialisten. Die haben beide 'n hohes athletisches, technisches Profil. Das sind beides keine Spieler, die Quantität reinbringen, die wahnsinnig viel laufen, die [00:22:00] super stabil defensiv sind. Sané hat versucht, sich darauf zu konzentrieren, aber du hast auch hier und da gesehen, dass das nicht sein Ding ist.
Der macht nicht die Läufe vorne rein, sondern wenn Sané [00:22:10] funktioniert, dann funktioniert er als einer deiner drei Toptalente. Dann, so funktioniert er und Matcher ist, glaub ich, genauso. Der funktioniert so, hat man in den Vorbereitungsspielen gesehen, wenn der viel [00:22:20] besser ist als seine Gegenspieler, dann führt der die vor, dann sieht der wahnsinnig gut aus, aber dem fehlt es noch diese, dem fehlt noch das Thema Quantität.
So, [00:22:30] konstant Räume zulaufen, schnell entscheiden, stabil entscheiden, ähm, auf unterschiedliche Situationen reagieren, seine Rolle selber anpassen können.
Sozusagen alles, was 'n [00:22:40] Khedira ausgemacht hat, das fehlt ihm und er ist 'n viel besserer Techniker als Khedira, aber ist eben noch nicht da, dass er auf Nationalmannschaftsniveau der Spielmacher sein kann. So das Ist [00:22:50] einfach keiner der Top-fünf-Spieler.
Auch wenn der dann gegen Paderborn einmal durch die Abwehr durchläuft und ein Fallrückzieher Tor macht. Das ist natürlich total nachvollziehbar, dass man so eine Qualität auch gerne im Kader [00:23:00] haben will. Nur ist das nicht die prägende Qualität, die du von einem Spieler sieben, acht, neun, zehn brauchst unbedingt.
Kaderhierarchie
Das soll nicht heißen, dass man nicht elf herausragende [00:23:10] Fußballer aufstellen kann, aber du brauchst halt 'ne gute Grundlage bei diesen Fußballern.
Es können nicht elf Spieler sein, die durch [00:23:20] herausragende Qualitäten, äh, sozusagen überdecken, dass die Basics nicht auf so einem guten Niveau sind. England zum Beispiel hat sich ja dagegen entschieden, also Tuchel hat sich bei England dagegen [00:23:30] entschieden, Alexander-Arnold mitzunehmen.
Alexander-Arnold ist genauso ein Spieler, der ist überragend in dem, was er macht. Das ist der beste Spielmacher als Außenverteidiger, vielleicht sogar der [00:23:40] Fußballgeschichte. Auf jeden Fall, also unglaublich gut in diesem Aspekt, hat aber defensive Defizite, ganz klar.
Und dann sagt Tuchel, diese Defizite [00:23:50] überwiegen die Qualität. kann man jetzt ewig lange hin- und her diskutieren, ob das so ist, ob die das überwiegen. Der Punkt ist nur grundsätzlich, du hast eben Spieler, die [00:24:00] große Stärken, große Schwächen haben und du hast Spieler, die keine, kaum Schwächen haben, aber auch nicht die herausragenden Stärken. Und wenn du die miteinander vergleichst, dann ist es, glaube ich, gut, [00:24:10] noch dazu im Blick zu haben, welche Position spielen die im Kader und wie herausragend ist denn die Qualität?
Schaffen die es wegen dieser herausragenden Qualität [00:24:20] gerade so in den Kader? Oder ist die herausragende Qualität so, dass die ein Top-Spieler im Kader sind? So, das ist ja 'ne ganz einfache Überlegung, [00:24:30] die einem, glaube ich, einen Fingerzeig dafür gibt, ob es Sinn macht, dieses, dieses Risiko sozusagen einzugehen.
Ist der, ist der Ertrag hoch genug im Vergleich zum [00:24:40] Risiko?
Und das hat, glaub ich, in der Nationalmannschaft jetzt 'n paar Mal nicht so gut geklappt, dass da, und das find ich total nachvollziehbar, dass man als Trainer sehr stark agiert [00:24:50] aus der Überlegung, das sind alles Potenziale, die uns helfen, das Spiel zu gewinnen und wir wollen so viele positive Potenziale wie möglich haben. es gibt viele Trainer, [00:25:00] die meines Erachtens überreagieren auf negative Potenziale, ja. Also das, was der Spieler macht, birgt auch das Potenzial, dass es dem Gegner hilft.[00:25:10]
Das ist ja letzten Endes das, was passiert, wenn man Fehler macht. Man hilft damit dem Gegner, das Spiel zu gewinnen. Und, es ist wahrscheinlich unterm Strich besser, fünf [00:25:20] Spieler auf dem Feld zu haben, die herausragend gut darin Potenziale für die eigene Mannschaft zu entwickeln und fünf Spieler, die einfach für Stabilität sorgen, nichts großartig [00:25:30] Positives reinbringen, aber auch nichts Negatives, als elf Spieler zu haben, die alle der Mannschaft entscheidend helfen können, aber auch dem Gegner entscheidend helfen können.
Ich möchte an der Stelle einmal davor [00:25:40] warnen, zu sehr in Klischees zu verfallen. Es ist nicht immer so, dass jemand, der ein eher kämpferischer, körperlicher Typ ist, auch ein zuverlässiger Spieler ist. Es ist nicht immer so, dass ein Edeltechniker [00:25:50] automatisch 'ne Liability- ein Risiko in der Defensive darstellt.
Es gibt, äh, für beides Gegenbeispiele, ne. Leute neigen [00:26:00] in diesem Thema sehr dazu, sich auf Klischees zu verlassen, anstatt wirklich zu schauen, was die Spieler tun. Zumal glaube ich, viele keine so klare Baseline dafür haben, ne. [00:26:10] Also wenn man bei 'nem Spieler erwartet, dass er auf 'ne Weise Fehler macht, dann ist, wenn der einmal diesen Fehler macht, fühlt man sich direkt bestätigt, obwohl's bei Spielern normal ist, dass sie 'ne gewisse Anzahl an [00:26:20] Fehlern machen zumindest.
Und umgekehrt ist es bei 'nem, äh, Spieler, bei dem man grundsätzlich erwartet, dass er zuverlässig ist, dass er beißt und so, dann fühlt man sich bei [00:26:30] Aktionen, die danach aussehen, immer direkt bestätigt. Und wenn da mal 'n Gegenbeispiel ist, wenn da mal 'n Fehler dabei ist, sagt man: „Na ja, gut, ähm, ist ja aber nicht das, was jetzt typisch für [00:26:40] ihn wäre“, oder so.
Deswegen kann man schnell in Klischees verfallen und, äh, ich möchte dazu aufrufen, auch festzustellen, dass eben auch Florian Wirtz zwölf Kilometer [00:26:50] läuft, so.
Im Nachhinein eingefügte Randbemerkung: Das ist auch das, was, äh, Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz heute übrigens gesagt hat. Hat das noch mal betont und hat [00:27:00] auch noch mal zu verstehen gegeben, dass es für 'nen Flo Wirtz auch mal reichen kann, ein sehr guter Teamspieler zu sein und er eben nicht jedes [00:27:10] Spiel unbedingt 'n Tor, unbedingt 'n Assist machen muss.
Hat also diese Mannschaftsdienlichkeit, diese Geschlossenheit und, und, ähm, so hat das noch mal in den Vordergrund gestellt an der Stelle.
[00:27:20] Ich glaub, das ist 'ne Abstraktionsebene, die hilft, so 'n bisschen zu verstehen, was mit der deutschen Nationalmannschaft passiert ist in den letzten 15 [00:27:30] Jahren. Weil die Kader waren ja nicht schlecht, wenn man sich die einzelnen Spieler anguckt und so und man kann sehr schwer mit'm Finger drauf zeigen, was ist denn da schiefgelaufen?
Und ich glaub, durch diesen [00:27:40] Filter kriegt man 'ne ganz gute Erklärung, warum diese Mannschaften sich immer so tendenziell sehr, sehr instabil angefühlt haben in Verbindung noch mit diesem [00:27:50] Faktor, den ich vorher schon genannt hab, dass sie sehr stark darauf spezialisiert sind, das Spiel zu kontrollieren und dann nicht so stark darauf zu überleben, wenn die Kontrolle verloren geht. Und ich bin mir sicher, wenn man [00:28:00] die erfolgreichen deutschen Kader durchgeht, dann hat man da eine relativ gute Balance. Das, da sind die Spieler, die nicht herausstechen, sind trotzdem dann sehr [00:28:10] zuverlässige Spieler. Und ich glaube, Klopp wird das wahrscheinlich ziemlich gut machen. Ich glaub, der hat da auch 'ne gute Intuition.
Der hat eigentlich immer auch auf solche Spieler dann gesetzt auf Position neun, zehn, [00:28:20] elf in seiner Mannschaft. Äh, Schmelzer, Großkreutz bei Dortmund, Sven Bender. Bei Liverpool, Henderson, Milner, eigentlich auch ein Fabinho, also [00:28:30] war das ganze Mittelfeld so, das war sowieso immer 'ne seltsame Struktur bei Liverpool. Das ist ein ganz, ganz herausragender Außenverteidiger, ganz herausragende, äh, Front drei und dann Mittelfeld, die alle [00:28:40] so ein bisschen durchwachsen sind.
Ähm, aber das hat eben auch extrem gut funktioniert. das hat auch 'ne Balance geschaffen und die haben dann diesen Profilen [00:28:50] entsprechend gespielt.
Risikobalance
man kann's auch taktisch begründen, warum es Sinn macht, so 'ne Art von Leistungshierarchie in der Mannschaft zu haben, weil Spieler ja [00:29:00] entscheiden, ob sie bestimmte Risiken eingehen.
Und du kannst, ne, wenn du unter Druck bist im Spiel zum Beispiel, kannst du versuchen, 'ne positive Lösung zu finden, den Gegner irgendwie auszudribbeln oder 'n [00:29:10] Vorwärtspass zu spielen, diesen Druck für dich zu nutzen oder du kannst den Druck abgeben. Du kannst immer 'n Rückpass spielen, Querpass spielen auf den nächsten Spielen, der dann wahrscheinlich auch unter [00:29:20] Druck sein wird, aber das hier vielleicht besser löst als du.
Ne? Und wenn du jetzt über eine zwei gegen zwei Situation nachdenkst, wenn du da zwei herausragende Spieler hast, [00:29:30] die aber beide risikobereit sind, dann wirst du natürlich relativ viele Situationen haben, wo du am Dribbling vorbeikommst, aber 'ne ganz gute Chance, dass wenn einer mal [00:29:40] hängen bleibt, ist der andere nicht da, um ihn abzusichern.
Wenn du zwei hast, die nicht dribbeln können, dann kommst du einfach nicht durch, dann hast du 'n Umschaltding. Ähm, [00:29:50] aber wenn du einen hast, der stabil und clever ist, aber nicht herausragend und der andere ist herausragend, aber etwas risikobereiter, dann kann erstens [00:30:00] der etwas schwächere Spieler kann den Ball einfach abgeben und sagen: „Mach du mal", und hat vielleicht dazu auch noch die Intuition zu sagen: „Ah, in der Situation, wenn der ins Risiko geht, ich bleib [00:30:10] lieber mal 'n bisschen vorsichtig.
Ich bleib lieber 'n bisschen hinterm Ball. Ich lauf nicht sofort nach, nach vorne und, fordere den Ball selber", sondern du entwickelst [00:30:20] intuitiv, glaub ich, 'ne gute Balance aus Risiko und Risikoabsicherung und du sorgst dafür, dass, außerdem der [00:30:30] Qualitätsspieler häufiger selber das Dribbling macht.
Weil wenn du zwei Qualitätsspieler hast, dann können ja in dem Moment, wo einer das Dribbling macht, kann's der andere nicht machen. Das heißt, du kriegst von beiden Spielern quasi [00:30:40] nur die Hälfte. Wenn immer der gleiche Spieler das Dribbling macht, dann wird der am Ende halt deutlich mehr Dribblings haben.
Deswegen muss es gar nicht so schlecht sein, wenn 'ne Mannschaft aufm [00:30:50] Papier von 'nem bestimmten Spieler oder von zwei, drei Spielern abhängig ist, weil das wahrscheinlich auch dazu führt, dass die ihre Qualitäten besonders oft reinbringen, was [00:31:00] man ja will. Ähm, hat man, find ich, bei der deutschen Nationalmannschaft im ganzen letzten Jahr, immer sehr eindrücklich gesehen daran, wie die Rolle und die Einbindung von Sané war.
Wenn Sané [00:31:10] und Wirtz quasi gleichwertig eingebunden waren oder sogar der Gegner es geschafft hat, dass Sané mehr Spielanteile bekam, wie zum Beispiel gegen Paraguay, dann geriet's immer sehr ins Stocken, wenn das [00:31:20] Spiel sehr, sehr stark über Wirtz lief und Sané nur, das war gegen die Slowakei so, dann die Angriffe beendet hat, mit tiefen Läufen beteiligt war und so, aber nicht so viel [00:31:30] kreieren musste, dann war's, äh, so, dass die Mannschaft sehr gut funktioniert hat, weil Wirtz einfach bessere Lösungen findet als Sané.
Und ich glaub, durch,
Mannschaftsdienlichkeit & Bescheidenheit
durch diese Linse [00:31:40] betrachtet kommen noch 'n paar andere Themen mit. und zwar Mannschaftsdienlichkeit auch 'n Thema, was kaum noch relevant [00:31:50] ist
Weil Mannschaftsdienlichkeit im Grunde darauf reduziert ist, dass ein Spieler halt die Rolle erfüllt, die der Trainer ihm aufträgt und damit sind alle Spieler mehr oder weniger [00:32:00] mannschaftsdienlich. Und auch das Thema Bescheidenheit würde ich's mal nennen, dass man einigermaßen realistisch daran ist, was man von dem [00:32:10] Spiel erwarten kann.
Beziehungsweise teilweise sogar mit einer gewissen Demut, würde ich sagen, dass man grundsätzlich irgendwie über Fußball so [00:32:20] nachdenkt, dass man irgendwie davon ausgeht, dass man nicht besser als der Gegner ist und irgendwie trotzdem gewinnen muss. Das kam heute auch noch mal so ein bisschen durch auf, äh, Klopps Pressekonferenz, der [00:32:30] über Manndeckung gesprochen hat und gesagt hat: „Ja, Manndeckung führt dann dazu, dass meistens dann die, die Mannschaft mit den besseren Spielern gewinnt.
wenn man aber sehr gut ballorientiert verteidigt, kann man sich [00:32:40] so helfen, dass auch mal ein Spieler, der im eins gegen eins keine Chance hätte, äh, dann trotzdem gut aussieht und dann seine anderen Fähigkeiten mit einbringen kann. Das war damals zu seiner BVB-Zeit immer ein [00:32:50] großes Thema mit, mit Marcel Schmelzer, der in der Nationalmannschaft immer nicht so richtig funktioniert hat, weil er nicht genug Support gekriegt hat.
das ist aber natürlich insofern eine seltsame Aussage, als dass Deutschland gegen [00:33:00] Paraguay rausfliegt bei der WM und da haben sie ja die besseren Spieler. Also Deutschland sollte, eigentlich die besseren Spieler haben als mal [00:33:10] mindestens, ähm, also als alle Mannschaften bei einer WM, außer vielleicht so zwei bis fünf, aktuell wären es vielleicht sechs oder sieben Mannschaften gewesen, die einen [00:33:20] besseren Kader haben, aber mehr auch nicht, so da müsstest du immer noch ins Viertelfinale kommen zumindest. dennoch muss es natürlich nicht schlecht sein und es hilft dann spätestens im, im Halbfinale, Finale, wenn dann die [00:33:30] Top-Nationen da sind und ich glaube, dieses Verständnis hilft dir tendenziell auch, wenn du einen guten Kader hast, dass du dann trotzdem taktisch und, und läuferisch und mannschaftlich die Sachen alle auf [00:33:40] 'm höchsten Niveau ausführst und nicht schlampig wirst und anfängst, so zu spielen, dass du sagst: „Okay, wir, ich muss den Lauf nicht machen.
Wir müssen das jetzt nicht verteidigen. [00:33:50] Das ist nicht gefährlich, weil wahrscheinlich löst der das individuell, äh, wahrscheinlich können wir's vorne sowieso wieder ausbügeln. Wahrscheinlich klappt das schon." So, also so [00:34:00] 'n, aus 'nem Selbstbewusstsein kann auch eine Art von Optimismus im Spiel entstehen, die so gut wie gar nicht hilft eigentlich, sondern die in ihrer [00:34:10] Auswirkung fast nur negativ ist
und
Ich glaube, diese beiden Dinge haben das Selbstverständnis deutscher Mannschaften und der deutschen Fußballöffentlichkeit bis vor [00:34:20] Kurzem noch sehr, sehr stark geprägt. Ist immer noch in der Öffentlichkeit sehr, sehr prägend, aber nicht mehr unbedingt im aktiven Fußball jetzt, glaub ich.
Und ich [00:34:30] glaube aber, das hat schon dazu geführt, dass du im Zweifelsfall immer wieder pragmatisch intuitiv in 'ne Richtung gearbeitet und [00:34:40] entschieden hast, dass du grundsätzlich relativ stabile Mannschaften kreiert hast und, äh, relativ geschlossene Mannschaften auch. Viele [00:34:50] junge Trainer, da schließe ich mich hundertprozentig ein, aber auch Flick und ganz sicher Nagelsmann und viele andere sind [00:35:00] hyperambitioniert. Die haben nicht die Idee: „Ich will erst mal gegenhalten können, ich will erst mal mitspielen können und dann, weil ich einigermaßen stabil bin und mitspielen kann, gewinne ich am Ende irgendwie [00:35:10] das Spiel", sondern die haben sehr stark das, was ich vorher gesagt habe: Die Idee ist Kontrolle, Dominanz.
Die Idee ist, wir haben 'ne Idee, die das Spiel gewinnt und wir kriegen [00:35:20] diese Idee sauber durch und dann gewinnen wir dadurch das Spiel. Das ist, wie gesagt, nicht grundsätzlich falsch, behaupte ich zumindest. Ich habe mich ja schon eingeschlossen [00:35:30] in dieser Herangehensweise, ähm, aber das ist schwer umzusetzen und es führt eben dazu, dass man bestimmte Entscheidungen [00:35:40] auf eine bestimmte Art und Weise macht und dass man zum Beispiel nicht so sehr vorplant für außergewöhnliche Situationen.
Und ich hatte ja schon dieses Thema [00:35:50] Situationen annehmen aus Sicht der Spieler, aber es ist natürlich, du kannst da ja nur hinkommen, wenn der Trainer das auch so sieht, wenn der Trainer auch bereit ist, Situationen anzunehmen [00:36:00] beziehungsweise zu antizipieren, dass es Situationen gibt, wo der Plan scheitert, wo der Plan kippt, wo du dann improvisieren musst.
Und viele Trainer also aus [00:36:10] dieser modernen jungen Generation, interpretieren solche Situationen, solche Situationen, wo man aus dem Plan fällt, so, dass wir den Plan halt noch besser [00:36:20] hätten ausführen müssen. Wir hätten da einfach das, was dazu geführt hat, dass wir nicht mehr im Plan waren, das hätten wir vermeiden müssen, ne.
Also zum Beispiel, ne, wenn der Pressingplan nicht [00:36:30] funktioniert, weil jemand ausgedribbelt wird, dann hätte der sich halt nicht ausdribbeln lassen sollen. Und dann wären die Folgeprobleme gar nicht erst passiert. Und die pragmatische Old School Interpretation ist [00:36:40] immer, dass man sehr kurzfristig guckt.
Dass du, du guckst immer, wie ist das Tor gefallen, was ist danach passiert? Und wenn einer ausgedribbelt wird, dann ist halt so, ja, hätte halt jemand reagieren müssen, hätte man halt wegverteidigen [00:36:50] müssen. Ah, okay, dann sind die dadurch ins Angriffsdrittel gekommen, sind dadurch in Strafraum gekommen, da hätte man dort halt das Kopfballduell gewinnen müssen und so weiter und so fort, ne.
Also immer so, der moderne Trainer guckt immer auf den, auf [00:37:00] den ersten Fehler und der Old School Trainer auf den letzten Fehler. und objektiv betrachtet stimmt beides, weil du kannst beide Fehler verhindern. [00:37:10] So, aber wenn du rauszoomst, wirst du feststellen, du kannst nicht immer den ersten Fehler verhindern.
So, es ist schlau, das Spiel so weit analysiert zu haben, [00:37:20] dass du begreifst, wir hätten's schon mit 'nem ersten Fehler verhindern können. Das ist auch was, was Klopp immer wieder sagt. So, wir hätten in diese Situation gar nicht erst kommen müssen. Da hätten wir besser stehen, besser pressen [00:37:30] müssen und so weiter.
Ja, und das ist, glaube ich, auch was, was Klopp ein bisschen gelernt hat, dass du aber halt trotzdem wahnsinnig davon profitierst, wenn du in der Lage bist, bei 'nem [00:37:40] Pressingfehler oder bei einer erfolgreichen gegnerischen Aktion einfach hinten raus noch Sachen auszubügeln und wenn du in der Lage bist, auf ekelhafte Situationen gut zu reagieren [00:37:50] und, und so weiter und so fort.
Die Bewegungsstürmer
dieser Hyperfokus auf Dominanz, Kontrolle, auf den ersten Fehler, auf den systematischen Fehler und auf, das systematische [00:38:00] dominante Lösen von Spielsituationen, das führt halt auch dazu, dass du diese, Generalisten, diese Ergänzungsspieler, die deine Mannschaft stabilisieren, [00:38:10] dass du die nicht so wertschätzt.
ich persönlich hab ja, bin ja seit der EM eigentlich schon sehr, sehr stark der Meinung, dass ein Maxi [00:38:20] Beier der deutschen Nationalmannschaft extrem guttun würde oder 'nen Johnny Burkardt. Find ich beides ähnliche Spielertypen, find ich beides Spielertypen in der Tradition von Thomas Müller, [00:38:30] die Aktivität vorne reinbringen, die einfach selber immer wieder permanent die, die Lücken suchen, die man anlaufen kann, die Möglichkeiten suchen, die es gibt, die sehr, sehr clever [00:38:40] im Pressing sind, äh, sehr laufstark, und halt 'ne permanente Aktivität und Lösungsfindung haben.
Und so 'n Spieler macht tendenziell [00:38:50] seine Mitspieler besser. Und ich hab am Anfang gesagt, dass Thomas Müller in anderen Fußballkulturen größere Probleme gehabt hätte als in der Deutschen. Und [00:39:00] wir sehen jetzt aber, dass solche Spieler wie Thomas Müller jetzt tatsächlich größere Probleme haben in der deutschen Fußballkultur, obwohl Maxi Beier zum Beispiel, [00:39:10] Stand WM, war der Stammspieler bei Borussia Dortmund und der hat 'ne Wahnsinnsbilanz, dass die Mannschaft Borussia Dortmund, wenn der aufm Platz ist, immer bessere Ergebnisse hat [00:39:20] als ohne ihn.
Und trotzdem wurde, glaub ich, sogar gezweifelt, ob er mitfährt,
während dann ein Sané startet, weil er besser in die Rolle passt und [00:39:30] Beier eben nicht in eine bestimmte Rolle ideal reinpasst. Beier ist kein Flügelstürmer, kein klassischer.
Der geht nicht eins gegen eins, der zieht den nicht andauernd in die [00:39:40] Mitte. Beier ist kein klassischer Mittelstürmer, ist nicht so kopfballstark und so weiter, ist kein klassischer Zehner, ist er nicht spielstark, ist er nicht technisch genug. So. Was, was ist Beier? Aber die [00:39:50] Frage ist doch: Was war denn Thomas Müller?
Und Thomas Müller ist
einer der erfolgreichsten,
einer der erfolgreichsten
Fußballer der deutschen Geschichte. wenn man dann Spieler hat, die offensichtlich auf welche Weise [00:40:00] auch immer ist der pragmatische Weg zu sagen: „Ja, dann schauen wir halt, wo wir die am besten irgendwie reinkriegen und lassen die halt spielen, weil das funktioniert halt, was sie [00:40:10] machen."
Und der normative, idealisierte und im schlechtesten Fall auch analytische Weg ist dann zu [00:40:20] sagen: „Ja, aber unser Bild von 'nem Stürmer ist das, unser Bild von 'nem Flügelstürmer ist das, unser Bild von 'nem Zehner ist das und der ist nichts davon. Und dann ist er für alle [00:40:30] diese Positionen nicht top und dann spielt er nicht.
So. Und das ist 'ne Art von mangelndem Pragmatismus, würde ich meinen.
Aus 'ner ähnlichen Überlegung [00:40:40] entstand dieses große, ja, irgendwie Missverständnis mit Undav, glaub ich, dass die Öffentlichkeit einfach gesehen hat, ja, der schießt Tore, macht Vorlagen, funktioniert, lass ihn spielen. Und [00:40:50] der analytische Kopf hat gesehen, der ist nicht besonders schnell, der ist nicht besonders groß, kannst keine Flanken wahnsinnig auf ihn schlagen, kannst ihn nicht ins Laufduell schicken, der [00:41:00] gibt dir nicht die ganze Zeit Tiefe.
Und anstatt dann zu denken, okay, aber was macht er denn? Warum ist er denn effektiv? Was ist denn die Rolle, die er braucht? Kann man das gut mit den Spielern kombinieren, die wir haben? [00:41:10] sagt man dann, nee, Havertz ist schneller, technisch besser, kopfballstärker, also spielt auf jeden Fall Havertz. Fertig aus.
So, wieder Nachklapp, [00:41:20] nachdem der Kader von Klopp steht. Er hat jetzt natürlich, äh, sowohl undav als auch Beier nicht nominiert. Da stehe ich jetzt blöd da. Andererseits habe ich dafür natürlich jetzt 'ne [00:41:30] hervorragende, äh, Begründung, wenn's jetzt nicht läuft, ne. Also jedes Spiel, was jetzt verloren geht der Nationalmannschaft, ähm, werd ich mich natürlich sofort hinstellen und sagen: „Das liegt daran, dass Maxi Beier wieder nicht [00:41:40] dabei war.
Das ist ja 'n Skandal." Und jedes, was gewonnen wird, da sage ich dann: „Ja, aber dafür hat er eben auch, äh, den Mut gehabt, so jemanden wie Jannik [00:41:50] Engelhardt, äh, mitzunehmen." So. Und wir haben jetzt genügend Ergänzungsspieler in, äh, anderen Positionen und Jonny Burkardt ist ja dabei und den hat Klopp total gelobt.
Deswegen, äh, hatte [00:42:00] ich trotzdem recht mit allem, was ich gesagt hab. Aber im Ernst, was glaube ich sehr, sehr starker Fingerzeig in diese Richtung auch ist, ist, dass Klopp halt Sachen betont wie: Ich will bei [00:42:10] jedem sehen, dass er sich total reinhaut und dass er total Bock hat, für diese Mannschaft zu spielen. Ich will geschlossenes, mannschaftliches Verteidigen ohne Zweifel, Ich hab jetzt schon bei ein paar [00:42:20] Spielern gesehen, dass die im Gegenpressing vielleicht noch aktiver waren als vorher und so. Also er betont die ganze Zeit diese grundsätzlichen [00:42:30] mannschaftsdienlichen Elemente von Spielern und ich bin mir sicher, dass er danach auch selektieren wird und das kann man dann schauen, wenn er dann aufgestellt hat, wenn man die Mannschaft gesehen [00:42:40] hat, ob dann wirklich da auch dann 'ne Mannschaft gestanden hat, wo diese Grundlagen auf 'nem etwas höheren Niveau waren und wie sich das dann auf die Gesamtleistung ausgewirkt hat.[00:42:50]
Denn er hat auch die Mentalität der Freiburg-Spieler zum Beispiel noch mal gelobt, in dem Kontext, nur um zu unterstreichen, dass es ja so einfach nicht ist, möcht ich gerne einen meiner [00:43:00] Lieblingstweets zitieren, der da getweetet wurde, als damals, glaub ich, Eintracht Frankfurt gegen Barcelona gewonnen hat in der Euro League. Und irgend'n BVB-Fan hat geschrieben: „Aber wenn wir den [00:43:10] Ansgar Knauf nur behalten hätten“, und jemand hat drüber kommentiert: „Ja, dann wären wir jetzt dort, wo Eintracht Frankfurt ist, auf Platz acht.“
Ähm, ne, das heißt, [00:43:20] es geht schon dann auch sehr, sehr viel um Qualität. das lässt sich nicht eintauschen, und deshalb ist es kein einseitiges Thema, , aber es ist, glaube ich, wie viele andere Themen, die wir hier besprochen haben, sehr stark [00:43:30] so, dass, dass man beide Richtungen mitdenken sollte
Form
aus der gleichen Richtung heraus die nächsten beiden Themen [00:43:40] Form und Altersstruktur. Also man sieht an so vielen Dingen, dass insbesondere Nagelsmann, aber das ist, glaub ich, [00:43:50] nicht unüblich im deutschen Fußball mittlerweile. Also das klingt jetzt alles sehr, als wäre das Kri-Kritik, die konkret auf Nagelsmann zugeschnitten ist, sozusagen.
Das ist durchaus Kritik, die ich mir [00:44:00] auch in vielen Situationen bestimmt schon mal hätte geben können und wo's ganz viele andere Trainer gibt, die, glaub ich, in die gleichen, in die gleichen Probleme reinfallen können.
Dass du Sachen halt im [00:44:10] Analyseprozess idealisierst und dann zuweilen aus 'ner Hoffnung und aus 'nem Idealbild heraus entscheidest. So, und Musterbeispiel ist Jamal Musiala, [00:44:20] wo's auch wieder ist total nachvollziehbar, dass man sagt, der ist so überragend, wenn er in Form ist. Wir wollen, dass der in Form kommt.
Wir lassen ihn spielen und hoffen, dass der Knoten [00:44:30] platzt. Aber das ist halt nicht besonders pragmatisch, dass man sagt, okay, der ist gerade nicht on top, der ist gerade nicht auf der Spitze seines, seines Könnens. Und dann hoffen [00:44:40] wir, dass er über Spielpraxis zu seiner alten Form zurückfindet während des WM-Turniers. Innerhalb dieser vier Wochen soll das passieren. [00:44:50] Das ist mutig so, das ist riskant. Und wenn man Alternativen hat wie Undav, wie Beier, die in diesem [00:45:00] Moment funktionieren, dann ist das eben die sichere, die pragmatische Lösung.
Ja, Form und Erfahrung waren, glaub ich, früher immer Sachen, die sehr, sehr viel diskutiert wurden, [00:45:10] vielleicht hier und da auch zu viel, die mittlerweile fast gar nicht mehr so explizit als Konzepte überhaupt diskutiert werden, aber die, glaub ich, schon zumindest in einem bestimmten Kontext eine gewisse [00:45:20] Relevanz besitzen.
Altersstruktur
Und bei Altersstruktur haben wir jetzt gesehen, dass wir bei der WM 'ne ganz merkwürdige Altersstruktur hatten. Wir hatten nämlich so gut wie gar keine Spieler im, im Kader und in der Startelf, [00:45:30] die im besten Fußballalter waren. Ganz viele ältere Spieler, ganz viele jüngere Spieler, aber so in diesem goldenen Alter sechsundzwanzig bis neunundzwanzig, ähm, [00:45:40] war, glaub ich, Schlotterbeck, Mittelstädt zum Beispiel nicht dabei, wäre in diesem Alter gewesen.
Anton Stach nicht dabei, wäre in diesem Alter gewesen. Äh, Waldemar [00:45:50] Anton hat dann nicht gespielt, sondern stattdessen der 33-jährige Rüdiger, den man nicht hätte mitnehmen müssen und der dann auch für die Position gar nicht so [00:46:00] richtig funktioniert hat letzten Endes. Havertz noch bestes Fußballalter, das war's aber
in dem Kontext ist auch noch mal Nagelsmanns Aussage zu Anton Stach, der wie [00:46:10] gesagt bestes Fußballalter hat, der ein Ergänzungsspieler ist, der zum Beispiel dann die Alternative zu Nmecha hätte sein können, zu dem [00:46:20] Nagelsmann gesagt hat: „Ich find den am besten in der Rolle, die er damals bei Hoffenheim gespielt hat als Innenverteidiger, der ins Mittelfeld aufrücken kann."
Wo er also 'n [00:46:30] Idealbild dieses Spielers hat und dann sagt: „Weil dieses Idealbild nicht mit dem, was ich gerade will, übereinstimmt, entscheid ich mich gegen ihn und interessiert er mich gar nicht." [00:46:40] Und er hat quasi mit-- Anton Stach hat diese Rolle bei Hoffenheim gespielt mit so 23, glaub ich so. Und da hat Ju-Julian Nagelsmann also ein Bild von 'nem 23-jährigen [00:46:50] Spieler und bewertet den aktuellen 27-jährigen Spieler, der in 'ner anderen Liga 'ne andere Rolle spielt als jemand, der vier Jahre Weiterentwicklung drinne hat und bewertet ihn immer [00:47:00] noch nach dem 23-Jährigen.
Also er updatet dieses Idealbild nicht ausreichend.
Und die Fußballöffentlichkeit neigt, glaub ich, häufig dazu, [00:47:10] Form und zählbare Leistung auch mal überzubewerten, weil häufig passiert das gerade bei Stürmern ist das ganz extrem, dass [00:47:20] diese Leistungen aus 'nem Kontext heraus passieren. Dass ein Stürmer in 'ner Mannschaft nicht funktioniert und deswegen sieht's so aus, als würde der nicht gut performen, wo 'n kompetenter Trainer sieht,
der [00:47:30] macht die richtigen Sachen, der hat die richtigen Qualitäten. Wenn man den in die richtigen Situationen bringt, dann wird das klappen. so, da gibt's dann auch so seltsame Verzerrungen, dass jemand, der in 'ner schwachen Mannschaft spielt, immer viel schwächer [00:47:40] wahrgenommen wird als er eigentlich spielt.
Hatten wir jetzt zum Beispiel bei der WM mit Wirtz. Wirtz war nach allen statistischen, Analysen und so und auch nach meiner Einschätzung übrigens, [00:47:50] einer der besten Spieler des Turniers, so. Es gab Statistiken, die hatten den als zweitbesten Spieler des Turniers. Der hat, glaube ich, bis zum Viertelfinale die meisten Chancen kreiert oder so was in die [00:48:00] Richtung.
Und der Kicker hat dem die gleiche Note gegeben wie Sané, und Musiala. ja, weil die Erinnerung von Menschen manchmal so funktioniert. Das heißt, die [00:48:10] Debatten um Form sollte man auch nicht überbewerten, ne, weil das jetzt ist wieder so 'ne nervige, man soll's nicht überbewerten, man soll's nicht unterbewerten, man muss alles differenziert sehen, äh, äh, [00:48:20] Debatte.
aber es ist, glaub ich, nicht wegzudiskutieren, dass jetzt insbesondere beim letzten Turnier das 'n großes Problem war, dass da sehr idealisiert gedacht wurde und dass mit sehr viel Hoffnung [00:48:30] rangegangen wurde an das Thema und, einfach dann zu wenig bewertet wurde, was jetzt gerade die Realität ist.
Ich glaube, das [00:48:40] ist auch einer der Gründe, warum tendenziell Mannschaften nach 'nem großen Titel immer so viele Probleme haben, weil mit 'nem Titel prägt sich ja auch [00:48:50] das Bild von 'nem Spieler und dann kommt vielleicht noch mal zum Beispiel 'n Khedira 2018 mit zur WM, wo man ihn vielleicht gar nicht mehr so gerade [00:49:00] nicht als Stammspieler unbedingt gebraucht hätte.
Jedenfalls ist es häufig so, dass Mannschaften nach 'nem Titel erst mal 'ne Weile brauchen, um sich wieder zu fangen. Und das liegt, glaub ich, auch daran, dass man dann an [00:49:10] bestimmten Spielern zu lange festhält, weil man jetzt das Bild von dem hat, der ist 'ne Legende, der hat's geschafft, der ist groß, der ist super, der wird es, auf den können wir uns verlassen und so und das nicht mehr mit der [00:49:20] aktuellen Leistungsrealität des Spielers abgleicht. Deswegen, das glaube ich auch noch, wenn wir über die Nationalmannschaft reden, einfach 'ne interessante Perspektive zu schauen, wie ist die [00:49:30] Altersstruktur der Mannschaft und sind da, wenigstens vier, fünf, sechs, sieben Spieler in der Startelf, die auch wirklich im besten Fußballalter sind. Und auch bei der [00:49:40] Nominierung ist vielleicht jemand wie 'n Chris Günter, wie 'n Maxi Arnold, wie 'n Tim Kleindienst, bei denen man dann sagt, so über die Karriere betrachtet, die haben [00:49:50] nicht unbedingt Nationalmannschaftsformat, aber sind die nicht im besten Fußballalter, so wie Robert Andrich, dann doch mal gut für ein Turnier?
Können die der [00:50:00] Mannschaft da nicht doch mal und umgekehrt dieses alte Ding: Okay, das ist noch ein sehr junger Spieler, ne. Äh, mit El Malla hatte man jetzt die Diskussion. Die, gibt Leute, die hätten mit [00:50:10] Flügelzange El Malla und Karl das Turnier gespielt man neigt bei diesen jungen Spielern dann auch immer sehr dazu, sie nach ihren herausragendsten Aktionen zu bewerten und alles, was die Schlechtes machen [00:50:20] über die neunzig Minuten, vergisst man dann mal schnell, weil man das ja von denen sowieso nicht so erwartet, ne.
Also da ist auch dann 'ne geringere Erwartungshaltung dabei und da muss man dann auch 'n bisschen aufpassen. Da ist auch, glaub ich, viel [00:50:30] Social-Media-Hype und so. Es gibt auch immer wieder Spieler, die jetzt, Kimmich hat's jetzt gerade erwischt, der dann so schlecht geredet wird aus einem Impuls heraus von: [00:50:40] „Wir kennen den schon, wir haben den so oft gesehen und wir haben keine Lust mehr auf den."
So, das ist nix mehr, das ist nix Besonderes. Neues immer besser. Gib mir shiny new things.
Spaniens Kader
Na ja, abschließend [00:50:50] vielleicht dazu der Gedanke, dass wenn man sich die spanische Kadernominierung anschaut, dann ist es so, dass De La Fuente in beiden Turnieren [00:51:00] Spieler zu Hause gelassen hat, wo man gedacht hat: „Hä?" Und, ähm, durchaus nicht besonders viel Wert auf die naturgegebene Hierarchie innerhalb der [00:51:10] Mannschaft gegeben hat, Hat jetzt, glaube ich, bei der WM keinen einzigen Real-Madrid-Spieler dabei auch. Die Stammtorhüter von Barcelona und Arsenal auf die Bank gesetzt, damit Unai Simón spielt, [00:51:20] der aber halt einfach in diese Spielweise gut reinpasst, der dann sehr, sehr guten Libero gegeben hat, vor allem hinten, äh, auch wenn er ein paar wilde Fehlpässe drin hatte so, aber das [00:51:30] hatte, ähm, da war dann die grundsätzliche Funktionalität über der einzelnen Aktion einfach entscheidend. Dann hast du Oyarzabal im Sturm, ewig lange Real [00:51:40] Sociedad Spieler schon, ähm, hat noch nie auf so ganz hohem Niveau so richtig gespielt, aber ist dann einfach 'n Stürmer, der für die Mannschaft funktioniert und, und [00:51:50] ja, ein Ergänzungsspieler einfach ist. Der macht die Läufe, der ist in der richtigen Position, der macht das Pressing, und ist meistens gut genug, den Ball reinzuschießen, wenn Lamine oder Olmo ihn den perfekt auflegen.
[00:52:00] Und, äh, ganz krasse Entscheidung fand ich Alex Baena, der, den ich auch während des Turniers in großen Teilen fürchterlich fand. Das ist ein Winger, der für [00:52:10] Atlético Madrid die Saison davor, glaub ich, drei Tore und zwei Vorlagen oder, oder zwei Tore und drei Vorlagen hatte.
Also gar kein Offensivoutput, hatte auch bei der WM quasi [00:52:20] keinen Offensivoutput, aber gute Bewegungen, gutes Defensivverhalten, vernünftiges Passspiel, also einfach, ne, Querpässe, [00:52:30] Rückpässe, Ballbesitz orientiert, hat er draufgehabt und damit sind die dominant Weltmeister geworden, weil die Mannschaft insgesamt [00:52:40] funktioniert hat und so Entscheidungen fürs Mannschaftsgefüge beinhalten dann hier und da, dass man dann zum Beispiel in dem Fall [00:52:50] 'nen Pedri und 'nen Zubimendi und Merino, allesamt, allesamt top Mittelfeldspieler, kommen allesamt von der Bank, wo nach 'ner, [00:53:00] wir wollen möglichst viel Qualität in die Mannschaft bringen Logik, hätte man da versucht, irgendwas hinzubauen mit Pedri als Winger oder du spielst sofort mit Merino als Stürmer, was er ja [00:53:10] schon gemacht hat für Arsenal.
Oder du baust irgendwas zusammen, dass du vier drei zwo eins mit fünf zentralen Mittelfeldspielern irgendwie machst. Und de la Fuente hätte auch mit Nico [00:53:20] Williams im Start spielen können, der offensiv mehr Power hat als n Baena. Der hätte auch mit Ferran Torres im Sturm spielen können, der immerhin Barcelona [00:53:30] PSG-Spieler ist, so auf'm Papier vielleicht 'ne höhere Kategorie, aber die sind beide nicht so komplett.
Sind beide nicht so gute Ergänzungsspieler und wären trotzdem [00:53:40] Kaderplatz acht, neun, zehn gewesen. So, und den acht besten, neun besten, zehn, zehntbesten Spieler der Mannschaft zu opfern für ein [00:53:50] besseres Mannschaftsgefüge, kann am Ende Sinn machen, wenn man 'nen guten, kompletten, zuverlässigen Spieler hat, der das auch spielen kann.
Dass du solche Spieler dann als Einwechsler bringen kannst, [00:54:00] hilft durchaus auch
Man kann sich vorstellen, dass ein Felix Mecher in der zweiten Halbzeit oder in der Verlängerung gegen Paraguay, gegen müde Paraguayer, [00:54:10] wahrscheinlich deutlich spektakulärer ausgesehen hätte
als das, was man gesehen hat gegen frische Paraguayer. Und so für die Öffentlichkeit wär's, glaub ich, empfehlenswert [00:54:20] zu versuchen nachzuvollziehen, funktioniert die Elf, die da steht, als Elf so und wenn nein, warum nicht? Anstatt [00:54:30] einfach zu sagen: „Ja, wir hätten da jetzt noch 'n 19-jähriges Talent nach seiner ersten Bundesliga-Saison unbedingt noch reinstopfen müssen in die Elf und dann wär's bestimmt gut gegangen, weil ich feier den Spieler."
Klopps Pressing
Äh, [00:54:40] Was das Thema der, äh, mannschaftlichen Geschlossenheit vielleicht 'n bisschen abrundet, ist, dass, Klopp auch über ballorientiertes Verteidigen und Manndeckung gesprochen hat [00:54:50] und, er sagte, seines Erachtens, es gibt kaum Nationalmannschaften, die Manndeckung spielen und bei der WM hat sich eindeutig das ballorientierte Verteidigen durchgesetzt.
meine Gegenthese [00:55:00] wäre mit Blick auf Spanien, dass sich durchgesetzt hat, das ballorientierte Verteidigen schlagen zu können mit einem guten Positionsspiel. also das ballorientierte [00:55:10] Verteidigen wurde da meines Erachtens von Spanien eher demontiert, mm, gleichzeitig natürlich von Spanien selber durchaus praktiziert.
Also,
Es ist jetzt nicht so, dass [00:55:20] es ein offensichtliches Statement für Manndeckung gab. Allerdings hat man bei Frankreich und auch bei Argentinien gesehen, dass wenn die Manndeckung gespielt haben, was sie in ihren Spielen teilweise gemacht haben, [00:55:30] hat das immer denen viel bessere Spielanteile gebracht, als wenn sie es nicht gemacht haben.
Und Nagelsmann war ja, kann man, glaube ich, sagen, am nächsten dran, die Spanier zu schlagen jetzt in den beiden [00:55:40] Turnieren und hat das auch mit Manndeckung gemacht. Deswegen, Klopp ist natürlich besser in puncto Pressingkonzeption [00:55:50] als die meisten Trainer und hat das jahrelang gegen Pep Guardiola auch umgesetzt.
Das heißt, der weiß, wie man das adaptieren muss gegen [00:56:00] ein richtig gutes Ballbesitz, äh, System. Und, ähm, das wird dann auch bei Klopp mal in bestimmten Momenten recht mannorientiert, wenn's das sein muss. Nur gibt's ja immer mehr [00:56:10] Mannschaften, die relativ ohne Probleme 'n ganz stabiles Ballbesitzspiel auf die Ketten kriegen und deswegen kann ich mir vorstellen, dass mit weniger [00:56:20] Vorbereitungszeit, die Klopp dann in der Nationalmannschaft hat, das etwas schwieriger wird umzusetzen. Ist so 'n kleines Fragezeichen, was ich erwähnen möchte, [00:56:30] aber eigentlich nur, um da noch mal drauf hinzuweisen, dass das vielleicht 'n bisschen was ist, was, was ich noch nicht so explizit gesagt hab, was aber für die deutsche Fußballkultur gerade aktuell und der [00:56:40] letzten zehn, 20 Jahre sehr, sehr prägnant ist, dass wirklich unglaublich viele Trainer absolut von dieser Idee von Kompaktheit und Pressing überzeugt sind.
[00:56:50] Also du findest kaum 'ne Mannschaft über eigentlich alle Ligen hinweg, so, so selbst im Amateur, selbst im untersten Amateurbereich sieht man das, dass [00:57:00] Mannschaften geschlossen anlaufen wollen und frühzeitig Druck machen wollen beim Gegner. Was übrigens, glaub ich, recht gut ist für die Spielerentwicklung auf vielen Positionen, wenn du die ganze Zeit [00:57:10] unter Druck spielen musst und so.
Es ist meines Erachtens nicht unbedingt gut für die Entwicklung von Verteidigern, weil wenn du das gut machst, die Verteidiger recht viel geschützt sind und [00:57:20] nicht so häufig in schwierige Situationen kommen, weil die halt vorher schon kaputt gemacht werden, diese Situation. Ist aber 'n sehr kompliziertes Thema.
Da will ich jetzt gar nicht so viel reingehen.
Ich wollte nur darauf hinweisen, dass das schon [00:57:30] sehr, sehr prägend ist in der deutschen Fußballkultur und dass Klopp dementsprechend auch, also fast jeder, Spieler, den er nominieren kann, der ist seine [00:57:40] gesamte Jugend durch ein Pressing-System gegangen. Wie wahrscheinlich 20 Jahre davor alle Spieler , durch 'ne sehr intensive Manndeckungsdidaktik gegangen sind, ne.
Also in [00:57:50] den, ähm, 80ern und 90ern war halt sehr, sehr viel, ne, folg deinem, selbst wenn der auf Toilette geht, gehst du hinterher, so war der alte Spruch. Und jetzt in den letzten 20 Jahren [00:58:00] ist es sehr viel: Alle machen mit, wir warten auf den Querpass, wenn der Ball am Flügel ist, schneiden wir ab, gehen drauf, stellen, Mitte zu, [00:58:10] Deckungsschatten.
Diese ganzen Geschichten werden den Spielern da schon, ähm, sehr, sehr vielen Spielern sehr, sehr viel beigebracht. Und deswegen auch wenn ich das kleine strategische Fragezeichen gerade gesetzt [00:58:20] hab, ist das auf jeden Fall was, was auch dank Klopp 'n großer Teil der Fußballkultur ist. Ist 'n bisschen lustig, dass Klopp wahrscheinlich der größte Akteur war, der diesen [00:58:30] Pressing-Hype losgetreten hat in Deutschland vor mittlerweile fast 20 Jahren und jetzt quasi zwei Jahrzehnte später jetzt mit den Spielern [00:58:40] arbeitet, die quasi von ihm inspiriert ausgebildet wurden.
Ähm, auf jeden Fall, wenn das richtig gut geht, am [00:58:50] Ende wird das mein großes Narrativ. Dann sag ich, dass Klopp selber die deutsche Fußballlandschaft verändert hat, damit die ihm gute Spieler ausbilden. Das wär, [00:59:00] das wär der Idealfall, aber das ist auf jeden Fall 'ne Bestandsaufnahme im deutschen Fußball. Auch wenn's mittlerweile immer mehr Trainer gibt, die auch sehr viel Wert auf Ballbesitz legen und [00:59:10] so, die wollen aber so gut wie alle immer auch viel Pressing haben.
Kollektives Wissen
Und damit sind wir dann jetzt auch wirklich beim abschließenden Thema: Welches ist, das Wissen, das kollektive [00:59:20] Wissen im deutschen Fußball, wie es weitergegeben wird und so weiter und so fort, was ich am Anfang genannt habe als wichtigen Teil der Fußballkultur, was sich eben sehr [00:59:30] stark geändert hat.
Und ich glaube, das ist 'n guter Platz, um da mal zu reflektieren, inwiefern sich das zum Positiven und inwiefern sich das zum Negativen geändert [00:59:40] hat. Mm, oder inwiefern positive Aspekte auch verloren gegangen sind. Ich hab ja am Anfang schon gesagt, kulturelle Werte sind irgendwie auch immer Prioritäten [00:59:50] und 'ne Priorität auf das eine heißt weniger Priorität auf das andere.
In dem konkreten Fall, glaub ich, kann man sagen, dass 'ne Priorität ganz, ganz stark weg vom individuellen Verhalten hin zum [01:00:00] Mannschaftsverhalten verschoben wurde. Dass sehr viele Trainer sehr viel darüber sprechen, wie die Mannschaft gemeinschaftlich zusammenarbeiten soll [01:00:10] und Spieler das auch verinnerlicht haben und tendenziell auf 'nem guten Grundniveau ausführen.
Das ist allerdings nicht unbedingt der beste Approach, um 'nen Spieler [01:00:20] individuell weiterzuentwickeln. es wäre viel zu vereinfachend gesagt und ganz vielen Trainern gegenüber unfair, wenn man das runterkürzt auf, die machen nur noch Mannschaftstaktik, die interessieren sich gar nicht für die individuelle Ausbildung [01:00:30] der Spieler.
Äh, es gibt ganz, ganz viele Trainer, die ganz, ganz viel Wert legen auf die individuelle, äh, Ausbildung der Spieler, Aber wir reden ja so 'n bisschen übers Gesamtbild und den Durchschnitt und der [01:00:40] hat sich schon Richtung Mannschaftstaktik verschoben und auch sehr viele individuelle Dinge werden sehr stark aus dem Mannschaftskontext heraus gedacht und aus, wie ich vorhin schon gesagt hab, [01:00:50] aus so 'ner eher idealisierten Art und Weise heraus gedacht auch.
Beispielsweise, ich hatte es gerade mit den, mit dem Pressing Hype im [01:01:00] deutschen Fußball, der natürlich dazu führt, dass das, wie Defensive ausgebildet wird bei Spielern, sehr stark in diesem systematischen Kontext [01:01:10] stattfindet, mit der Idee, wirklich problematische Defensivszenen eben zu verhindern. Ich habe gerade schon gesagt, Innenverteidigern hilft das nicht unbedingt.
Scheitern '22
Ich hab 'n super plakatives Beispiel. [01:01:20] Nämlich gab es diese Szene in der Doku zur 22er WM, dass Flick gefragt wurde nach dem Japan-Spiel von Kimmich und Müller, Japan hat auf [01:01:30] Dreierkette umgestellt und Deutschland mit zwei Viererketten hatte Probleme, den Wingback von Japan, den Flügelläufer zwischen Außenverteidiger und deutschem [01:01:40] Flügelstürmer, den zu kontrollieren und den zuzuordnen, was 'n Standardproblem ist gegen Dreierketten, wenn man mit zwei Viererketten gegen den Dreieraufbau spielt.
[01:01:50] Und, äh, dementsprechend wäre es normalerweise logisch gewesen, wenn, äh, Flick da 'ne Meinung gehabt hätte und, hat dann aber 'n bisschen, ist 'n bisschen ins Schwimmen [01:02:00] geraten und gab so low key 'n Konflikt zwischen Kimmich und Müller und, und, und Flick, der Flick gar nicht gut aussehen lassen hat.[01:02:10]
Aber eine andere Perspektive ist zweierlei Sachen. Erstens, Japan hat ein Tor geschossen über diese Position, Weil Deutschland da keine Zuordnung, keinen [01:02:20] Zugriff hatte. In dieser Szene gab es allerdings noch zwei Momente, wo erst Süle und dann Goretzka, glaub ich, [01:02:30] den gegnerischen Spieler in die Mitte lassen und die Mitte nicht richtig verteidigen, sondern beide auch in der Situation sehr alibimäßig verteidigen.
So, wenn ich zwei Spieler hab, die in 'nem [01:02:40] WM-Spiel beim Stand von eins zu null so fahrlässig verteidigen und so die Basics nicht drin haben, dann wird das [01:02:50] relativ unweigerlich zu Problemen führen, ne. du kannst das 'n bisschen kaschieren, wenn dein Pressing wirklich die ganze Zeit sitzt, aber es gibt immer Situationen, wo du auch individuell verteidigen musst und [01:03:00] so.
Das darf einfach nicht hinten runterfallen. Und zweitens ist es so, dass es sehr schwierig ist, dass dein Pressingplan immer greift.
Also dass du mal 'ne einzelne Situation [01:03:10] dabei hast, wo die Zuordnung nicht passt und wo die Spieler intuitiv 'ne Entscheidung machen müssen und die Zuordnung klären müssen und dann entweder 'ne Kommunikation haben müssen oder Einzelne müssen halt ihre Entscheidung dann [01:03:20] einfach treffen und anpassen. und dass man da in der Situation nicht geschafft hat, dann einfach mal Zeit zu gewinnen, indem man kurz Tempo rausnimmt, hinter den Ball fällt und [01:03:30] dafür sorgt, dass das für Japan zumindest nicht weitergeht, auch wenn man in dem Moment dann Zugriff verliert, aber auch nicht von hinten dann irgendwie durchgeschoben hat oder so.
Also dass die Mannschaft überhaupt keine [01:03:40] Lösung aus sich selbst hatte, sondern das dann nur im Kontext mit Trainer thematisieren konnte. Das ist, das soll wiederum jetzt kein Vorwurf an die Spieler sein, weil es [01:03:50] macht durchaus Sinn, das auch mit Trainer zu, kommunizieren, damit auch für die ganze Mannschaft klar ist, wie man solche Situationen handhabt.
Aber trotzdem hätte das in der Situation [01:04:00] einfach nicht zu 'nem Gegentor führen sollen. Und ich glaube nicht, dass in der Vergangenheit deutsche Mannschaften so waren, dass es Situationen gab, wo sich Spieler nach dem Spiel [01:04:10] hingestellt haben und gesagt haben: „Ja, da hat uns 'ne Information gefehlt. Da hätten wir noch 'ne Lösung vom Trainer gebraucht, wie wir das, wie wir das machen müssen und dann hätten wir das Spiel [01:04:20] gewonnen.“
Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, es gibt 'ne Menge deutsche Nationalspieler in der Geschichte, die sich für so 'ne Aussage geschämt hätten. was jetzt 'ne drastische [01:04:30] Formulierung ist, äh, für das, was ich sagen will, nämlich dass das auch was ist, was du bei Spielern reinbekommen musst, dass sie, ne, ich hatte's ja schon im ersten Teil, Situationen [01:04:40] annehmen, wie sie sind und dann dafür Entscheidungen finden und dass du sie auch darauf vorbereitest und dann sagst: „Okay, gut, das ist jetzt, das ist jetzt einmal so.
Was macht denn Sinn? [01:04:50] wie kriegst du denn die Situation jetzt repariert?“ So. Der Vergleich mit früher ist insofern ein bisschen unfairer, als dass da, glaube ich, dann einfach simpler gespielt wurde und, Gegner nicht so effizient darin [01:05:00] waren, jede freie Position direkt auszunutzen. Also ich glaub, man muss jetzt auch positionell deutlich präziser verteidigen, um da nicht bestraft zu werden.
aber du hast immer noch den Faktor des [01:05:10] individuellen Verteidigens, was nicht gut war. Und dass es auch der nächste Schritt ist. Also es geht hier mir nicht so darum, wir müssen's wieder wie früher machen und einfach nur sagen: „Verteidige das weg", und einfach nur sagen: „Das war zu [01:05:20] einfach."
Ne, das war ja das Coaching früher, dass man gesagt hat: „Das war zu einfach. Okay, dann muss ich's ihm nächstes Mal schwerer machen." Wie das klingt nach dummem Coaching so. Es ist aber nicht so [01:05:30] schlecht im Sinne der Spielerausbildung. Auf 'm kompetitiven Niveau ist es ganz schlecht, weil es gibt dir keine kurzfristige Lösung.
im Bereich der Spielerausbildung kann es durchaus [01:05:40] nützlich sein, die Lösung nicht zu verraten, damit der Spieler sie selber finden muss beziehungsweise dazu angehalten wird, generell aktiver Lösungen zu, zu suchen. [01:05:50] Und ich kann aber auch beides miteinander vereinbaren, indem ich, systematisch relativ kompakt coache und dazu [01:06:00] Spielern, Mannschaften noch Sachen erkläre, wie sie auf Dinge reagieren.
Also zum Beispiel so Pressing-Zuordnungen ist eigentlich immer so, dass du entweder, du hast immer so 'ne [01:06:10] Dreieckskonstellation, einer von zwei Spielern kann den nehmen und je nachdem, welcher das ist, muss der dritte Spieler dahinter halt hinter den einen oder hinter den anderen schieben.
[01:06:20] Um bei dem Japan-Beispiel zu bleiben, wenn der Flügelstürmer den aufnimmt, dann muss der Sechser nach vorne verteidigen und der Außenverteidiger dann tendenziell auch. Wenn der Außenverteidiger rausgeht und den aufnimmt, dann muss der Sechser [01:06:30] nach hinten und die Kette auffüllen vielleicht und der Flügelstürmer muss dafür 'n bisschen zurückfallen.
Also es ist immer, du hast sehr häufig so 'n Dreieck, was du nach vorne oder nach hinten drehst. [01:06:40] Und das sind Sachen, die die Spieler in der Situation selber erkennen und selber kommunizieren können. Und das braucht man eben auch in der, in der Ausbildung, neben dem Bewusstsein, Situation anzunehmen und generell einfach, ne, [01:06:50] im Zweifelsfall irgendwie Situationen zu lösen und zu löschen.
Torinstinkt
und 'n zweites Beispiel ist die Stürmerausbildung. War ja 'n großes Thema, wird jetzt mittlerweile besser. Ganz [01:07:00] gute Stürmerauswahl gerade für Deutschland. A, Bärm. Ein Punkt, den ich sehr, sehr interessant finde, ist, dass dieses, mhm, dass [01:07:10] dieser Faktor, jemand ist ein guter Torjäger, jemand hat Torinstinkt.
Das ist zum Beispiel, ich hab seit gefühlten 20 Jahren das Wort [01:07:20] Torinstinkt nicht mehr gehört. Was ist denn Torinstinkt? Das ist auch wieder, das ist 'n Wort, das natürlich, kein Mensch hat wirklich 'n Torinstinkt. Das ist keine natürliche Fähigkeit, [01:07:30] äh, sag ich als jemand, der als Spieler sehr stark von Anführungszeichen Torinstinkt gelebt hat.
Sondern Torinstinkt ist 'ne Mischung aus 'ner [01:07:40] guten Antizipation von dem, was im Strafraum passieren wird und 'ner Intuition dafür, welche Position man haben muss, um zum Beispiel an 'n Abpraller [01:07:50] zu kommen Und der Fähigkeit, Bewegungen im Strafraum zu erzeugen und anspielbar zu werden in 'ner engen statischen [01:08:00] Situation.
Und insbesondere der letzte Faktor, der wird so gut wie, der spielt so gut wie keine Rolle mehr und der wird so gut wie gar nicht gecoacht, weil der auch in der Spielidee der meisten Trainer keine Rolle [01:08:10] spielt, weil die Spielidee der meisten Trainer ist: Du kommst in freie Räume, spielst dann tief, bringst dann den Ball in die Box und schließt ab.
Da ist immer das [01:08:20] Szenario, dass du mit Tempo in den Strafraum reinläufst. Es wird unglaublich wenig darüber gesprochen, was passiert, wenn der Gegner einfach schon tief hinten drin steht, wenn schon [01:08:30] sechs, sieben, acht Leute in der Box stehen. Wie schieße ich denn dann ein Tor? So, wenn, wenn sechs Leute am ersten Pfosten stehen, dann macht's keinen Sinn zu sagen: Einer läuft auf den ersten [01:08:40] Pfosten, einer läuft auf den zweiten Pfosten, einer läuft in den Rückraum und dann sind alle Räume besetzt und dann spielen wir die Bälle rein und schießen hoffentlich ein Tor.
Das ist, ähm, generell 'ne Logik, die ich [01:08:50] gar nicht mal so gut finde in vielen Situationen. Das Belaufen des ersten Pfostens ist was, was die meisten Top-Stürmer gar nicht machen. Also ich find das 'n bisschen, das ist so populär in Deutschland, das ist auch wieder sehr dieses, [01:09:00] also einerseits idealisiert, andererseits sehr direkt, dass man sagt: „Okay, was ist, was ist der direkte Weg zum Tor?
Ich laufe auf den ersten Pfosten, schieb dort den Ball Ich wollte gerade [01:09:10] sagen, dass dieses Ding Toren stinkt und Bewegung in der Box und so ist was, wovon, äh, Ulf Kirsten gelebt hat. Der hat natürlich viel auf 'm ersten Pfosten gemacht, ne. Also es ist auch nicht so, dass der erste Pfosten [01:09:20] unmöglich ist, aber die meisten Topstürmer aktuell gehen eher auf den zweiten Pfosten, weil das tendenziell der Raum ist, den du nicht verteidigen kannst.
Wenn du am ersten Pfosten 'n Tor machst, ist es relativ [01:09:30] oft entweder 'ne herausragende individuelle Ausführungsleistung oder 'n Abwehrfehler. Meistens [01:09:40] vernünftigerweise, wenn du dich wirklich vom Verteidiger absetzen willst, dann sind normalerweise zweiter Pfosten und Rückraum die interessanten Räume. Das ist hier aber eher ein Nebenthema. Primär geht's mir [01:09:50] darum, dass dieses alte Handwerk des, äh, Tor, des Torjagens, w-was macht ein Torjäger? Er jagt Tore, I guess. Also die Torjagd ist [01:10:00] ausgestorben. So was, wie Stürmer heutzutage betrachtet werden, ist sehr stark wieder athletisch-technische Eignung.
kann der sich mit Ball durchsetzen? Kann er sich ohne Ball durchsetzen? [01:10:10] Ist er groß für Kopfbälle? Ist er schnell für Tiefe? und wie gut ist sein Abschluss? Aber wenn du in die Historie guckst, ist das ja eigentlich nicht das, was deutsche, äh, Stürmer ausgezeichnet hat.[01:10:20]
Ich find's, so witzig, dass wir in den letzten Jahren immer diese Stürmerdebatte hatten mit so, wir brauchen endlich mal wieder 'n großen wuchtigen Kopfballstürmer, während Kai Havertz vorne drinstand, der mit, ich glaub, eins [01:10:30] zweiundneunzig oder eins vierundneunzig oder es ist, es ist einer der größten deutschen Nationalstürmer aller Zeiten.
Dann hast du Woltemade auch noch dazu. Und wenn du [01:10:40] guckst in die Geschichte, dann hast du Uwe Seeler mit eins sechsundsechzig, äh, Gerd Müller mit eins dreiundsiebzig oder so was. Und, ähm, selbst Miro Klose, Kopfballungeheuer, war [01:10:50] auch nur so eins fünfundachtzig. Also dieser Stürmertyp Erling Haaland, den sich die Deutschen so herbeisehnen, das ist eigentlich ein Stürmertyp, den's in Deutschland kaum [01:11:00] jemals gab. Was es aber halt sehr viel gab, war Müller, Kirsten, Seeler, die sich sehr, sehr gut im Strafraum bewegt haben, die im Strafraum anspielbar werden konnten, die diesen [01:11:10] Torinstinkt hatten, die die Abpraller gemacht haben.
Ich kann nur jedem empfehlen, mal Gerd Müller-Spiele zu gucken, welche Bewegungen der im Strafraum gemacht hat in der Enge [01:11:20] von drei, vier, fünf, sechs Verteidigern um sich herum. Ist unglaublich. Es gibt aktuell keinen Stürmer, der das ansatzweise so spielt.
Das ist, das ist [01:11:30] fußballhistorisch überragend, immer noch, völlig unerreicht. kann ich nur mal empfehlen. Und dieser Faktor ist so was, ich glaub, das existiert in der Fußballausbildung so gut wie [01:11:40] gar nicht. Früher hat's indirekt dadurch existiert, dass du dann einfach 'n paar Jungs gesagt hast, wenn du gemerkt hast, die schießen häufig Tore, dann hast du gesagt: „Du bist jetzt der Stürmer.
Dein Job ist Tore schießen, sonst [01:11:50] nix.“ So. Und tendenziell, wenn die das gut hinbekommen haben, dann war das meistens wahrscheinlich relativ kluge Jungs, so. Gerd Müller hat auch außerhalb des Strafraums 'ne [01:12:00] Wahnsinns-Spielintelligenz und der hat diese Spielweise hat der selber entwickelt, bin ich mir sicher.
Das hat dem niemand so beigebracht. Das ist aber was, wenn du dem Spieler sagst, du musst immer auf [01:12:10] den ersten Pfosten laufen and that's it und du konzipierst auch dein Spiel so, dass du eigentlich den Angriff immer sofort durchziehst und du kommst gar nicht in die [01:12:20] Situation rein, wo der Gegner auch mal mit sechs, sieben Leuten im Strafraum steht und man dann da Lösungen finden muss, dann kann ein Gerd Müller das ja auch gar nicht entwickeln.[01:12:30]
So, also das wird dann einerseits über das Coaching und andererseits über die Spielkonzeption selber, ab-abtrainiert könnte man drastisch formulieren.
Coachingbalance
[01:12:40] abschließend ein alter Gedanke, ich hatte vor paar Jahren mal einen Twitter-Thread, wo ich den Gedanken formuliert habe, eine relativ drastische Gegenüberstellung, dass du früher im [01:12:50] Grunde sehr viele Trainer hattest, die so von Situation zu Situation gecoacht haben und einfach individuelles Verhalten.
So, es tritt irgendeine Situation auf, der Spieler macht was und dann sagt [01:13:00] der Coach: „Ja, hättest lieber das gemacht.“ Das ist unsystematisches Coaching, was kurzfristig sehr wenig bringt, Was aber so langfristig Stück für [01:13:10] Stück einen Spieler in den Entscheidungen ein bisschen besser macht.
kompetitiv wird diese Art des Coachings komplett in den Boden gestampft von diesem modernen Coaching. Deswegen hat [01:13:20] sich das durchgesetzt, dass du mit der Mannschaft arbeitest und strukturiert und daran arbeitest, welche Situation stellen wir her und wie handeln wir als Mannschaft in der Situation?
Und dann hast du 'n [01:13:30] Wahnsinnshandlungsvorteil gesamtmannschaftlich über 'nen Gegner, der einfach nur, ne, individuelles Coaching Situation für Situation macht und, und keine vernünftige Organisation hat. [01:13:40] Deswegen haben wir jetzt Trainer, die sehr, sehr stark auf dieser Mannschaftsebene coachen. Und ich glaube, in der Zukunft wirst du beides haben und die Herausforderung wird sein, [01:13:50] auf Mannschaftsebene so effizient wie möglich zu coachen.
Also dass du die mannschaftlichen Geschichten in 'ner möglichst geringen Trainingszeit mit möglichst wenig [01:14:00] Information und Vorbereitungszeit reinbekommst in die Mannschaft und dann innerhalb dieses Rahmens sehr, sehr viel individuell arbeitest. Also 'n bisschen best of both worlds. Ich glaube, [01:14:10] das ist 'ne sehr gute Vision, die man als Trainer haben sollte, wobei man noch dazu sagen muss, dass sicherlich auf, im [01:14:20] kompetitiven professionellen Fußball wirst du immer 'n etwas höheren Anteil haben, der, bei dem's um mannschaftliche Organisation geht.
Im Jugendbereich solltest du 'n [01:14:30] sehr hohen Anteil von dieser individuellen Arbeit haben. Also 'n Jugendtrainer sollte optimalerweise 'n Spielmodell haben und 'ne Mannschaftsorganisation anwenden, die [01:14:40] sehr schnell und sehr einfach verstanden und umgesetzt werden kann und dann innerhalb dieses Rahmens sehr viel mit den Spielern arbeiten.
Meine Erfahrung [01:14:50] ist, individuelle Videoanalyse mit den Spielern ausführlich, ganz viele kann ich nur eintausend Mal, empfehlen. Das ist wahnsinnig [01:15:00] effektiv.
Und wenn ich mit Prinzipien arbeite, dann eben reflektieren auch: Ist es ein Prinzip in dem Sinne von, der Spieler muss was ganz Einfaches erkennen und kriegt dann [01:15:10] die Entscheidung vorgeschrieben? Oder ist das ein Prinzip, was dem Spieler hilft, mit seinem ganzheitlichen, mit seiner [01:15:20] ganzheitlichen Einschätzung der Situation besser zu handeln, ne?
Also muss der Spieler im Grunde bei der Anwendung des Prinzips, muss der [01:15:30] Spieler selber wirklich Sachen einschätzen, Also so was wie, wenn der Pass auf den Außenverteidiger geht, dann fangen wir an, ins Pressing zu gehen. Dass 'n Pass auf 'n Außenverteidiger geht, kann jeder Depp sehen. [01:15:40] das erfordert keine Spielintelligenz.
So was wie: Wir pressen, wenn wir die Möglichkeit haben, den Ball zu erobern, dann muss der Spieler überlegen: Können wir jetzt [01:15:50] den Ball erobern? Das ist 'ne viel komplexere Entscheidung und das ist die Art von Entscheidung, die 'n Spieler eigentlich das ganze Spiel über trifft. So, das ist, was Fußballdenken [01:16:00] in letzter Instanz ist.
Das ist dann noch mal 'n größeres Thema, ähm, da werd ich bestimmt auch noch mal ausführlich drüber reden an dieser und jener Stelle. das sollte nur [01:16:10] noch mal zu dem Thema sein Gemeinschaftliches Wissen in einer Fußballkultur. Das hat sich eben sehr stark vom Individuellen ins Mannschaftliche gewandelt und glaube ich, [01:16:20] ist, äh, das ist auch wieder was, wo man sagen kann, das ist in anderen Ländern bestimmt auch so.
zum Beispiel allerdings die englische Fußballkultur, die ist schon sehr individuell auf jeden Fall in der [01:16:30] Förderung. Also die haben so ganz, ganz klare individualisierte Programme für ihre Spieler, die jetzt auch wieder das Problem gehabt haben, dann haben die Diskussionen darüber gehabt, dass sie keine Controller haben, nicht wirklich Spieler in der [01:16:40] Mannschaft, die so 'ne umfassende strategische Spielintelligenz haben, sondern eben sehr, sehr gute Rollenspieler.
Also die haben dann, damit auch aus, aus anderen Gründen dann ähnliche Probleme [01:16:50] potenziell. Aber, grundsätzlich ist es, ist ja auch gar nicht so ultrawichtig, was die anderen machen, sondern, ähm, was man selber, optimalerweise machen will. Und ich glaube, es gilt für alle, das ist, [01:17:00] glaube ich, 'n gute, 'ne gute Herangehensweise, ist zu sagen: Mannschaftstaktik, mannschaftliche Prinzipien sind 'ne Grundlage, sind 'n Rahmen.
Und [01:17:10] innerhalb dieses Rahmens geht's um individuelles Verhalten und aus einfach Situationen so annehmen, wie sie sind und das Bestmögliche rausholen. Und da kann man dann situativ [01:17:20] Situation für Situation mit 'nem Spieler dran arbeiten und muss nicht, muss nicht sagen: „Hier musst du das machen, weil, und hier ist deine Aufgabe das, weil", sondern kann einfach sagen: „Was glaubst du, was, [01:17:30] was wär'n hier besser gewesen?
Was wär'n damit? Was wär'n damit? Was ist, was hast'n da für 'ne Idee? Oder hast du darauf geachtet? Hast du das gesehen?" Ne? Also man kann da viel softer [01:17:40] mit den Spielern, agieren und muss gar nicht so, so Sachen vorschreiben unbedingt.
Die DFB-Jugendreform
So, das waren alle Themen, die ich auf'm Herzen hatte. Äh, auf Twitter wollte jemand [01:17:50] gerne, dass ich noch mal über Hannes Wolf, große Fußballreform rede. Ich ha-hab aber ehrlich gesagt nicht so richtig 'ne Idee, was ich groß dazu sagen soll, außer, ähm, [01:18:00] dass es ansatzweise diskutabel sein soll, dass alle Spieler wirklich spielen und sehr viel den Ball am Fuß [01:18:10] haben, ähm, dass das in irgendeiner Weise kontrovers ist, ist, äh, v-völlig absurd.
Ähm, dass dann mit so Nicht- oder Halbwissen über diese [01:18:20] Reform geredet wird: „Oh, es gibt keine Sieger mehr, bla bla bla, es gibt keine Tabellen mehr.“ zeigt dann vielleicht 'n bisschen 'ne Negativseite der deutschen Kultur. Ich weiß auch gar nicht, ob's deutsche Kultur ist [01:18:30] oder ob das, ob's, ob's alte Leute-Kultur ist oder 'ne Besserwisser-Kultur ist, also mir ist das sicherlich auch schon passiert, dass man so, [01:18:40] so halb irgendwo was mitbekommt und sich dann schon mal drüber aufregt, aber, es ist, äh, immer 'ne ganz gute Idee, sich zu überlegen: Okay, wenn, wenn was wirklich [01:18:50] dermaßen dämlich klingt, dass man's kaum fassen kann, dann ist es häufig so, dass es auch einfach wirklich gar nicht so ist.
Es hilft immer, ne, wenn 'ne Überschrift etwas [01:19:00] suggeriert, dass jemand wirklich über alle Maßen dämlich gewesen ist, dann stellt man sehr häufig fest, wenn man auf die Überschrift [01:19:10] mal draufklickt und sich dann durchliest, was wirklich passiert ist, dass die Überschrift einfach nicht zutreffend war.
Und ja, es ist ein bisschen nicht deutsche Kultur, aber Internetkultur, [01:19:20] was glaube ich in die deutsche Kultur reingeht, dass man darüber, wie, ähm, Clickbait funktioniert und so weiter und, und wie Algorithmen funktionieren, äh, hat [01:19:30] man, verlernt man zunehmend seinen Diskussionspartnern mal ein bisschen was zuzutrauen, weil man immer, immer den, den blödesten Standpunkt und [01:19:40] die radikalste, döfste Meinung irgendwie noch irgendwie reingespült kriegt und dann, ähm, da ein bisschen verzerrtes Bild entwickelt, was Leute [01:19:50] tatsächlich so in der Masse eigentlich so denken.
Und, die meisten Leute sind nicht so doof wie, die blödeste Aussage suggeriert, die man irgendwie im Internet findet. Deswegen, [01:20:00] ähm, also das heißt nur, dass die, Reform von Hannes Wolf super ist, meines Erachtens auch total undiskutabel und total [01:20:10] offensichtlich, dass das erst mal grundsätzlich so umgesetzt wird. Und, ähm, das wird auf jeden Fall dem deutschen Fußball nicht zu Schaden sein, sondern ist, [01:20:20] Offensichtlichkeit, dass man Kinder, so viele Kinder wie möglich, so viel wie möglich mit 'nem Ball spielen lässt.
So, das muss ja ganz, ganz offensichtlich 'ne, 'ne, 'n Grundpfeiler der [01:20:30] Jugendausbildung sein. Mmm
"Ahead of the Curve"
Ansonsten vielleicht noch 'n Metagedanke anschließend zu dem, was ich jetzt zuletzt [01:20:40] gesagt hab mit der Entwicklung des Coachings, dass man nicht unterschätzen sollte, wie viel besser der Fußball einfach geworden ist in den letzten 30 Jahren und [01:20:50] wie schnell der immer noch besser wird und dass es dementsprechend definitiv keine Lösung ist, einfach zu sagen, wir machen das so wie früher.
das, was Deutschland in den 90ern gemacht hat, das war [01:21:00] 2000 schon schlecht. Das ist jetzt nicht schlecht, sondern unterirdisch voll katastrophal. Also man muss schon vorandenken und man muss etwas anderes [01:21:10] nutzen, was glaub ich auch hoffentlich Teil der deutschen Kultur ist, auf jeden Fall sein sollte, nämlich 'ne gewisse, ne gewisse gemeinschaftliche Intelligenz, vorauszudenken, [01:21:20] und pragmatisch, aber auch analytisch heranzugehen und gute Lösungen für Probleme zu finden einfach.
Und in dem Fall, gute Lösungen, 'ne gute Herangehensweise an [01:21:30] das, äh, Problem in Anführungszeichen der Fußballerausbildung, zu finden. Und ich glaub, diese krass schnell umgesetzte Pressing-Revolution, von der ich jetzt [01:21:40] geredet hab, die ist noch mal 'n gutes Beispiel dafür gewesen, wie sehr die deutsche Fußballkultur ein Chamäleon sein kann und wie schnell man von wir manndecken alle und folgen unserem Gegenspieler bis aufs [01:21:50] Klo, wie schnell man davon übergeht zu, äh, wir sind kompakt und reagieren auf Pressing-Trigger und so.
Und ich glaube, genauso schnell, äh, können wir übergehen zu, [01:22:00] wir simplifizieren den Mannschaftskontext, wir arbeiten sehr viel mit den einzelnen Spielern und wir machen uns Gedanken darüber, wie die bestmöglich zu fördern [01:22:10] sind und, äh, spielen einfach 'nen, 'nen lebendigen organischen Fußball, in dem jeder seine Entscheidungen trifft und dem, in dem jeder sich entfalten und entwickeln kann, ohne dass [01:22:20] wir, äh, zu dolle, äh, auf jeden Fehler irgendwie pochen und, und den schon mit 14 irgendwie rauskriegen wollen aus'm Spiel und ohne dass wir irgendwie gar keine [01:22:30] Rationalität und Entscheidungsqualität ins Spiel reinkriegen.
und dann, dann wird alles wieder gut und wir können endlich wieder stolz sein auf die Nationalmannschaft. Ähm, [01:22:40] ich hoffe, äh, Klopp kriegt das auch, kriegt das auch jetzt schon ganz gut hin. Und ja, ich hoffe, die Gedanken haben, gefallen und es war unterhaltsam und, ich kann [01:22:50] nur jeden noch mal auf die Spielverlagerung Academy verweisen. Wie gesagt, URL jetzt Spielverlagerung dot Academy, aktuell, ähm, alles auf Englisch, [01:23:00] aber ich arbeite dran, das hoffentlich relativ bald dann auch auf Deutsch anbieten zu können, die Sachen.
Ist jetzt bisschen aufwendiger geworden aktuell ist ein sehr ausführliches [01:23:10] Einführungsseminar in die Academy, erhältlich, ich hab es Coaching Kompass genannt, der glaube ich für sowohl schon sehr fortgeschrittene Trainer als auch Trainer, die gerade erst so reinkommen, durchaus [01:23:20] interessant sein kann, um zu schauen, was ist denn überhaupt möglich?
was sind die Werkzeuge, mit denen ich als Trainer arbeite und wie kann ich meine eigene Kompetenz und [01:23:30] mein Denken über Fußball und mein Fußballverständnis, systematisch weiterentwickeln? Da freue ich mich über jeden, der sich das anschaut. ich hab außerdem Consulting und, und Mentoring Angebote auf der Seite. Also [01:23:40] wer individuell mit mir arbeiten möchte, dafür stehe ich auch bereit und auch für Vereine, wenn ihr Input braucht von außen, Kann [01:23:50] man gerne bei mir anfragen. Und damit, wünsche ich euch eine schöne Länderspielpause und hoffentlich 'n paar unterhaltsame, spaßige Spiele. [01:24:00] Ciao, ciao. [01:24:10]